10 Jahre später

»Arthur! Das ist MEIN Schwert!«
     »Gar nicht! Papa hat gesagt, ich darf König spielen!«
»Du bist immer König! Ich will auch mal!«
     »Du bist doch nur die Hofdame!«
»ICH BIN KEINE HOFDAME!« Ein Kreischen. Ein dumpfer Aufprall. Irgendetwas fiel um. Ich schloss kurz die Augen. Lucien grinste neben mir. »Sie spielen«, sagte er unschuldig. »Sie führen Krieg«, korrigierte ich trocken.
       Im Garten des Palastes lieferten sich Arthur und Sophie eine erbitterte Schlacht mit Holzschwertern, die offiziell nur Dekoration sein sollten. Arthur brüllte Befehle wie ein kleiner Feldherr, während Sophie ihn mit erstaunlicher Präzision in die Knie zwang. »Er hat angefangen!«, rief Arthur. »Er hat geschummelt!«, schrie Sophie gleichzeitig. Natürlich.

       Auf der Treppe zum Westflügel saßen Lia und Finn. Vierzehn. Und so unfassbar genervt. »Können die einmal normal sein?«, murmelte Lia und rollte mit den Augen. Finn zuckte mit den Schultern. »Wir waren bestimmt auch so.«
     »Nein.«
»Doch.« Er grinste. Sie stieß ihn mit dem Ellbogen an. Beide trugen Trainingskleidung vom Fechtunterricht. Lia hatte eine Strähne im Gesicht, die sie zum dritten Mal zurückschob. Finn saß lässig da, aber sein Blick beobachtete alles. Sie liebten die Kleinen. Aber sie würden es nie zugeben. Lucien lehnte sich an das Geländer neben mir. »Sie erinnern mich an uns.« Ich warf ihm einen Blick zu. »Wir haben nicht gestritten.« Er hob eine Augenbraue. »Du hast mich erpresst.«
      »Das war strategisch.« Er lachte leise. 
       Später am Abend wurde es ruhiger. Arthur und Sophie schliefen endlich – nach Diskussionen über unfair verteilte Decken und angeblich geklaute Stofftiere. Der Palast atmete wieder normal.          Ich ging mit Lucien den Flur entlang, als wir Stimmen hörten. Gedämpft. Aus Lias Zimmer. Wir blieben stehen. Nicht absichtlich. Nur… neugierig. »Glaubst du, Mum war früher wirklich so schlimm?« Lias Stimme war leiser als sonst. »Kommt drauf an, was du unter schlimm verstehst«, antwortete Finn. »Die Presse nennt sie immer noch Crash Queen. Und diese alten Dokus…« Ein Rascheln. 
        Wahrscheinlich setzte Lia sich auf. »Sie hat Systeme gehackt. Milliarden bewegt. Sich mit Großvater angelegt.« Ich spürte Luciens Hand neben meiner leicht anspannen. Finn antwortete ruhig. »Sie hat Northbridge geschlossen.«
     »Ja, aber—«
»Und sie hat die Wahrheit rausgeholt.« Stille. »Glaubst du, sie würde es wieder tun?« Finns Stimme wurde leiser. »Wenn es nötig wäre?«
     »Ja. Sofort.« Ich sah zu Lucien. Er sah mich an. Und in seinem Blick lag nichts als Stolz. Lia atmete hörbar aus. »Manchmal wirkt sie so… streng.« Finn schnaubte leise. »Das ist nicht streng. Das ist Kontrolle.«
      »Über uns?«
»Über alles.« Eine Pause. »Ich glaube, sie hatte nie die Wahl.« Finn lehnte sich nachdenklich an das Bücherregal Lias Zimmer - den Hang zur Literatur hatte sie definitiv von Lucien. »Ich bin trotzdem froh, dass sie unsere Mum ist.« Lucien atmete neben mir aus. Langsam. Wir mussten beide lächeln und gingen weiter, ohne dass sie merkten, dass wir gelauscht hatten. 

Nur ein König.
Eine Königin.
Vier Kinder, die spielten, stritten und fragten.

Und ein Flur, in dem zwei Eltern standen, die wussten— dass sie früher gefährlich waren.

Und es, wenn nötig, wieder wären. 

© Copyright Lilith Wylde – Alle Rechte vorbehalten.

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