Liliths Bücherregal
New Adult/College Romance
My Reckless Crush
Lilith Wylde
Genre: New Adult / College Romance
Seiten: 510
Kindle Unlimited: 6. Oktober 2026
Print: 4. November 2026
Darum geht's
Verletzt und von Schuldgefühlen zerfressen beendet Blair ihre Beziehung zu Dominic, nachdem ihre Liebe ans Licht gekommen ist. Um den Schmerz zu betäuben, verliert sie sich jede Nacht in New Yorks Partyszene.
Blair will Dominic vergessen. Dominic will Blair zurück.
Während ihre Liebe eine zweite Chance bekommt, geraten sie mitten in ein gefährliches Spiel aus Intrigen, Verrat und dunklen Geheimnissen. Zwischen der Ruhe der Hamptons und den Straßen New Yorks erkennen sie, dass manche Feinde längst näher sind, als sie glauben.
Als Blair schließlich verschwindet, bleibt Dominic nur eine einzige Möglichkeit: Sie finden. Bevor es jemand anderes tut.
Sie flüchtet, um den Mann zu schützen, den sie über alles liebt. Er wird alles riskieren, um sie zurückzuholen. Was aber, wenn Blair gar nicht gefunden werden will?
Tropes
My Reckless Crush
Lilith Wylde
Kapitel 1
Blair
Zehn Wochen später
Reynold Montgomerys Blick verfolgte mich noch immer. Eiskalt. Urteilend. Unvergesslich. Selbst jetzt, zehn Wochen später, genügte die Erinnerung daran, damit sich mein Magen schmerzhaft zusammenzog.
»Dominic«, hatte er gesagt. Seine Stimme kontrolliert. »Will mir jemand erklären, was hier los ist?« In diesem Moment war mir das Blut aus dem Gesicht gewichen. Weil ich wusste. Dass nichts davon gut ausgehen würde. Nicht mit einem Mann wie Reynold Montgomery. Nicht mit dem Mann, vor dem ich mich bereits gefürchtet hatte, als ich zum ersten Mal an seinem Esstisch gesessen hatte. Damals hatte ich geglaubt, seine Kälte wäre Einbildung. Heute wusste ich es besser. Noch immer spüre ich, wie sich mein Körper an jenem Morgen automatisch zurückgezogen hatte, als er in der Tür erschien. Dominics Blick hatte mich sofort gefunden. Als gäbe es in jedem Raum nur mich. »Blair—« Mehr hatte er nicht geschafft. Denn da war ich bereits in Bewegung. Geflohen. Vor dem, was kommen würde. Vor den Konsequenzen. Die Treppen verschwammen vor meinen Augen, während ich nach oben rannte. Meine Hände zitterten so stark, dass ich kaum den Reißverschluss meiner Tasche zu fassen bekam. Unten hörte ich Stimmen. Dominic. Seinen Vater. Ab und zu seine Mutter. Doch kein Teil von mir wollte wissen, was gesagt wurde. Alles, was zählte, war wegzukommen. Also stopfte ich mein Leben in eine Tasche und rannte. Erst vor dem Wohnheim blieben meine Beine stehen. Erst dort holte mich die Realität ein. Camilla. Dominic. Die Montgomerys. Innerhalb weniger Stunden war alles auseinandergebrochen. Und zum ersten Mal wusste ich nicht, wie ich die Scherben wieder zusammensetzen sollte.
Ich erinnerte mich genau an ihre Nachrichten vor zehn Wochen.
Camilla: Ich hoffe, du bist zufrieden. Du hast unsere Familie zerstört. Dominic hatte geraden den Streit seines Lebens mit unseren Eltern.
Mein Herz hatte begonnen, schneller zu schlagen. Ich hatte mir sofort Dominics Vater vorgestellt. Seine Stimme und seinen Blick.
Dominic allein mit seinen Eltern an jenem Morgen. Meinetwegen.
Ich hatte Cami zurückschreiben wollen. Mich entschuldigen. Doch bevor ich die Nachricht hatte abschicken können, flackerte der Bildschirm kurz. Zustellung fehlgeschlagen.
Sie hatte mich blockiert und tat es bis heute. Das Profilbild war verschwunden. Und mit ihm unsere Freundschaft.
Sie war nicht nur meine beste Freundin, sondern eine Schwester und Vertraute.
Und diesmal gab es keine Regeln, sieben Sekunden oder heimliche Treffen. Nur die Konsequenzen. Diese Konsequenzen spürte ich schon zehn Wochen.
Ich hatte zusammengekrümmt im Bett gelegen, schluchzte so heftig, dass mir der Atem wegblieb. Wie ein Häufchen Elend, das kaum Kraft hatte.
Ich erinnerte mich an Dominics Nachricht an diesem Morgen, an unser Gespräch vor dem Wohnheim, das mir das Herz gebrochen hatte. Er wartete genau dort vor der Glastür. War mir nachgegangen. Dominic Montgomery wartete nie. Außer auf mich.
Ich hatte die Augen geschlossen und wusste, das, was gleich kam, musste sein. Nicht weil ich es wollte. Sondern es das einzig Richtige war.
Er war bereit gewesen, sich gegen seine Familie zu stellen, seinen Vater und alles, wofür der Name Montgomery stand. Ich fühlte mich schuldig und tue es heute noch – zehn Wochen später. Es war Liebe, doch ich durfte sie nicht zulassen.
Als er mich gesehen hatte, richtete er sich sofort auf. Ich war ein paar Schritte vor ihm stehen geblieben. Die Tränen liefen weiter. »Wir müssen uns vergessen«, hatte ich gesagt. »Nein.« Ein einziges festes Wort. »Blair—«
Ich zwang mich, ihn anzusehen. Verdammt.
»Sag mir nur eins, Blair.« Seine Stimme war rau geworden. »Sag mir, dass du nichts fühlst.«
Die Bitte traf mich mitten ins Herz. »Das zerstört uns, Dominic.«
»Dann lass uns wenigstens nicht feige sein.« Er hatte einen Schritt auf mich zugemacht. »Sag mir, dass du nichts fühlst.« Ich schloss kurz die Augen. »Doch, Dominic. Aber es reicht nicht.«
Ich hatte die Hände zu Fäusten gepresst. »Du kannst nicht für mich fallen.« Der Rotz lief mir über mein Top. »Und ich passe nicht in deine Welt.« Er hatte mich angesehen, als hätte ich ihn geschlagen. »Das mit uns hat keine Zukunft.« Die Worte schnitten durch die Nacht. Dominics Blick wurde hart. »Du sabotierst uns. Und das werde ich nicht zulassen«, hatte er gesagt.
Ich spürte, wie meine Augen brannten. Er stand da. Als würde er darauf warten, dass ich die Meinung änderte. Dass ich zurückkam. Aber ich wusste, dass ich das nicht durfte. Also drehte ich mich um. Und ging.
Ich blieb nicht stehen. »Wenn du jetzt gehst«, schluchzte er, »dann kämpfe ich trotzdem.«
Mein Herz stolperte. »Du kannst mich wegstoßen. Du kannst vor mir weglaufen. Aber du wirst mich nicht dazu bringen, aufzuhören.«
Ich hatte mich gezwungen weiterzugehen. »Ich liebe dich«, schrie er über eine Menge Studenten hinweg. »Und ich werde nicht so tun, als wäre das vorbei.«
Ich hatte mechanisch die Tür zum Wohnheim aufgedrückt, ohne ein Wort zu sagen. Und ließ ihn draußen stehen.
Die letzten zehn Wochen waren die Hölle.
Die Nacht hing schwer über New York. Ich merkte kaum, wie ich lief. Oder eher… wie ich nicht mehr lief. Alles schwankte. Zu viel Alkohol.
Das war die letzten Wochen mein Normalzustand. Ich wollte nur vergessen. Vergessen, dass ich Cami verloren hatte. Dass ich Dominic nicht lieben durfte. Nicht so. Nicht mit diesem ganzen, schmerzenden Herzen. Dass es für uns niemals ein Morgen geben würde, egal wie oft ich davon träumte. Doch genau dieser Gedanke fraß sich Nacht für Nacht durch meinen Schlaf. Dominic. Schon allein sein Name tat weh. Wie eine Wunde, die nie verheilt war. Die letzten zehn Wochen hatte ich versucht, ihn aus meinen Gedanken zu verbannen. Erfolglos. Denn egal, wie viel Alkohol durch meine Adern floss, egal, wie oft ich mir einredete, dass ich das Richtige getan hatte – irgendwann fand mein Kopf immer wieder den Weg zurück zu ihm. Zu diesem Morgen vor dem Wohnheim. Zu seinem Blick. Zu seiner Stimme. Zu den Worten, die mich bis heute verfolgten. »Sag mir, dass du nichts fühlst.« Gott. Selbst jetzt zog sich mein Herz zusammen. Weil ich gelogen hatte. Denn die Wahrheit war nie gewesen, dass ich nichts fühlte. Die Wahrheit war, dass ich zu viel fühlte. Mehr, als ich mir erlauben durfte. Mehr, als in seine Welt passte. Mehr, als irgendeine Zukunft überlebt hätte. Und trotzdem träumte ich noch immer von ihm. Von seinen Händen. Seinem Lächeln. Der Art, wie er mich ansah, als wäre ich etwas Kostbares. Dabei war ich diejenige gewesen, die ihn zurückgelassen hatte.
Sein Blick brannte sich in Erinnerungen, suchte mich in meinen Albträumen heim. Ich sah ihn immer wieder vor mir – verletzt, verlassen, sprachlos. Und mich selbst, wie ich ihn zurückließ, ohne ein Wort oder eine Erklärung. Als hätte ich nicht nur ihn, sondern einen Teil von mir selbst dort stehen lassen.
Der Boden unter meinen Füßen fühlte sich weich an. Als würde er bei jedem Schritt ein kleines Stück nachgeben, bevor er mich wieder nach oben ließ.
»Langsamer.« Vince‘ Stimme war ruhig. Seine Hand lag fest an meinem Arm. Bestimmt genug, dass ich nicht weiterstolpern konnte. »Geh doch«, murmelte ich und versuchte, mich aus seinem Griff zu lösen. Schlechte Idee.
Die Welt kippte leicht nach links. Und wieder nach rechts. Ehrlich gesagt ... keine Ahnung, was rechts und links überhaupt war. »Du fällst gleich hin«, stellte er trocken fest.
»Fall nie.« Ich machte einen Schritt. Okay. Vielleicht… doch. Die Welt drehte sich. Vince atmete genervt aus. Seine Hand wanderte von meinem Arm zur Taille. Er konnte mich so stabiler halten. »Ich bring dich rein.«
»Kann alleine gehen«, protestierte ich sofort.
»Nein. Das kannst du nicht Blair.«
Das Wohnheim tauchte vor uns auf wie ein zu helles Versprechen. Ich blinzelte gegen das Licht über dem Eingang. »Hasse dieses Licht«, murmelte ich.
»Du hasst gerade alles«, entgegnete Vince. Ich lachte leise. »Stimmt.«
Die Stufen waren ein Problem. Ein großes. »Die waren vorher nicht da«, sagte ich und blieb stehen. Vince sah mich an. »Doch.«
»Nein.« Ich musterte ihn misstrauisch. »Die haben sich vermehrt.« Vince konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Dann legte er meine Hand auf das Geländer. »Eine nach der anderen.«
»Du behandelst mich wie ein Kind.«
»Du benimmst dich auch wie eins.«
Ich schnaubte leise. »Unverschämt.«
Trotzdem machte ich den ersten Schritt. Dann den zweiten — und verlor kurz das Gleichgewicht.
Meine Knie gaben nach, als hätten sie beschlossen, heute nicht mehr mitzuarbeiten. Vince reagierte sofort. Seine Hand schloss sich fester um meine Taille und zog mich zurück, bevor ich überhaupt fallen konnte. Stabil. Sicher. Verlässlich.
Vince hatte schon immer diese Aura gehabt – die eines Mannes, der jeden Raum beherrschte, ohne die Stimme heben zu müssen. Groß, breitschultrig und von dunklen Tattoos gezeichnet, wirkte er auf die meisten Menschen einschüchternd. Sein markantes Gesicht, die ernsten Augen und die ständige Anspannung in seinen Zügen ließen kaum jemanden vermuten, dass unter dieser rauen Fassade mehr steckte als bloße Härte.
Doch seit Camilla hatte sich etwas verändert. Vielleicht war es die Art gewesen, wie sie sein Herz erreicht hatte, ohne es je zu wollen. Vielleicht hatte der Schmerz, sie nie für sich gewinnen zu können, ihn gelehrt, dass Stärke nicht nur bedeutete, Mauern zu errichten. Dass man manchmal lernen musste, sie einzureißen.
Seitdem zeigte Vince Seiten von sich, die kaum jemand kannte. Kleine Gesten. Ein aufmerksamer Blick. Ein ruhiges Wort im richtigen Moment. So wie jetzt.
Seine Finger lagen fest an meiner Hüfte, nicht besitzergreifend, sondern beschützend. Als wäre es das natürlichste der Welt, mich aufzufangen, bevor ich stürzte.
Als ich zu ihm aufsah, begegneten mir seine dunklen Augen. Dort lag noch immer diese unnachgiebige Entschlossenheit, die ihn zu einem gefürchteten Chef machte. Doch inzwischen mischte sich etwas anderes darunter. Verständnis. Und eine Wärme, die er nur selten zeigte. »Vorsicht, Blair«, murmelte er leise. Zwei einfache Worte. Doch in ihnen lag mehr Fürsorge, als die meisten Menschen Vince jemals zugetraut hätten.
Ich ließ mich für einen Moment halten. Nicht weil ich wollte. Sondern, es nicht besser konnte. »Ich hab dich«, murmelte er. Ja. Das hatte er. Zu oft in den letzten zehn Wochen. Ich stieß leise die Luft aus und ließ meinen Kopf kurz gegen seine Schulter sinken. »Weißt du…«, die Worte waren schwer, langsam, »ich versteh immer noch nicht, wie das passiert ist.«
»Was?«
»Dass wir… Freunde sind.«
Das Wort fühlte sich seltsam fremd an. Und gleichzeitig… erschreckend passend. Vince sagte nichts. Er war nie der Typ für große Reaktionen. »Du solltest mich eigentlich hassen.« Ich versuchte mich an einem weiteren Schritt und lallte Vince dabei die Ohren voll. »Ich arbeite für dich. Ich nerve dich. Ich widerspreche dir ständig…« Meine Worte stolperten übereinander, genau wie die Schritte. Ich lachte leise. »…und wegen mir hat Camilla mit dir Schluss gemacht.«
Vince blieb abrupt stehen. Ich merkte es sofort. Diese minimale Veränderung. Dieser kaum sichtbare Riss in seiner sonst so verdammt kontrollierten Art. Langsam hob ich den Blick. Sein Kiefer war angespannt. Meine Worte hatten ihn getroffen – mitten ins Herz. Scheiße.
»Das ist nicht—«, begann er. Ich schüttelte leicht den Kopf und wollte widersprechen. Es war meine Schuld. Fehler.
Die Welt schwankte wieder. »Doch«, murmelte ich leise. Zu nüchtern für jemanden, der betrunken war. »Ist es.« Meine Finger krallten sich leicht in seinen Ärmel, als müsste ich mich an irgendetwas festhalten, das nicht wegrutschte. »Ich hab alles kaputt gemacht.« Er atmete aus. »Blair.«
Ich hasste es, wie weich er plötzlich klang, dass er mich nicht unterbrach. Nicht sagte, ich hätte unrecht. Er wusste, dass ein Teil davon stimmte. »Erst Dominic«, murmelte ich.
Sein Name blieb für einen Moment zwischen uns hängen. »Dann Camilla.« Ich schluckte. Spürte den Alkohol nicht mehr nur in meinem Kopf, sondern tiefer. »Und jetzt du. Ich zieh jeden runter.« Ein Muskel zuckte in seinem Kiefer. »Hör auf.«
»Nein.« Diesmal hielt ich mich selbst kaum. »Du warst gut für Cami.« Meine Stimme wurde leiser. »Stabil. Alles, was ich nicht bin.«
Er griff fester zu. Drehte mich leicht zu sich, sodass ich ihn ansehen musste. »Das reicht.«
Ich sah ihn an und erkannte dieses kaum sichtbare Etwas in seinem Blick. Diesen Funken, den er sonst nie zeigte. »Tut weh, oder?«, murmelte ich leise.
Seine Augen verhärtete sich einen Moment. Dann wurde er wieder glatt. »Du hast keine Ahnung, wovon du redest.«
»Doch. Weiß genau, wie sich das anfühlt.« Ich ließ meinen Kopf kurz gegen seine Schulter sinken. »Wir sind ganz schöne Nullnummern, was?« Zu meiner Überraschung lachte Vince.
Ich stolperte weiter die Treppe mit ihm nach oben, bis wir den Flur erreichten.
Gedämpftes Licht. Teppich. Diese künstliche Ruhe, die sich nie echt anfühlte. Ich hob kaum den Blick, während wir auf meine Tür zugingen. Schritt für Schritt.
Dann— blieb Vince abrupt stehen. »Warum—«
Dominic.
Er stand lässig an der Wand gelehnt, die Arme verschränkt, als würde die Welt sich nach seinem Tempo drehen. Als hätte er nie gelernt, sich zu beeilen, weil ohnehin immer alle Blicke früher oder später bei ihm landeten. Natürlich sah er aus, als würde er hier hingehören. Als wäre selbst dieser schlichte Wohnheimflur nicht dafür gemacht, ihn zu fassen. Zu eng für seine Präsenz. Zu gewöhnlich für jemanden wie ihn. Es spielte keine Rolle, wo er war. Ein Wohnheimflur blieb ein Flur. Grau. Eng. Vergessenswert. Bis Dominic Montgomery darin stand. Dann wurde er zu etwas anderem. Zu einer Kulisse. Denn Dominic war nicht der Mann, der einen Raum betrat. Er war der Mann, der ihn einnahm. Mein Blick blieb an ihm hängen, gegen meinen Willen und jede Vernunft. Sein Gesicht war kantiger geworden, die Schatten unter seinen Augen verrieten schlaflose Nächte. Doch genau das machte ihn nur gefährlicher. Auf eine echtere Art und Weise. Als sich seine Augen in meine bohrten, traf mich die Erinnerung an ihn mit voller Wucht. Eisblau gegen giftgrüne Augen. Ich erinnerte mich an jedes Lächeln. Jede Berührung und an jedes verdammte Versprechen. An den Schmerz, ihn zurückgelassen zu haben.
Das blonde Haar fiel ihm leicht in die Stirn, als er den Kopf anhob. Seine Haltung wirkte entspannt, doch ich kannte ihn gut genug, um die Spannung darunter zu erkennen. Die Kontrolle und Wachsamkeit. Sein Blick war tief, unergründlich und gefährlich vertraut. Der Blick eines Mannes, der verloren hatte und trotzdem nicht aufgehört hatte zu fühlen. Für einen Moment vergaß ich, wie man atmete. Denn egal, wie oft ich mir eingeredet hatte, dass wir vorbei waren. Dass zwischen uns nur Scherben geblieben waren. Dominic besaß diese verheerende Wirkung auf mich. Die Art, wie er einen Raum betrat und alles andere verblassen ließ. Die Art, wie mein Herz jedes Mal aus dem Takt geriet, sobald er mich ansah.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Weil ein Teil von mir ihn noch immer ansah, als wäre er nach all der Zeit mein Zuhause.
»Ernsthaft?«, murmelte ich leise. Zu genervt für das, was in mir hochzog. Ich wollte mich aus Vince‘ Griff lösen, doch schaffte es nicht.
Er bewegte sich einen Schritt nach vorne zu Dominic. Nah genug, dass ich nicht alles hörte. »Das fünfte Mal diese Woche«, nuschelte er leise. Scheiße.
Dominics Blick glitt kurz zu mir. Dann wieder zu Vince. Ein kaum sichtbares Nicken. Kein Danke oder Kommentar. Als wäre das abgesprochen.
Etwas in mir kippte. Nicht wegen dem Alkohol. Sondern alldem hier.
»Was soll das?«, murmelte ich und zog mich diesmal fester von Vince weg. Er ließ mich langsam los. Als würde er nicht sicher sein, ob ich stehen bleiben konnte.
»Ich komm klar«, fauchte ich scharf. Mehr zu Vince, weil ich wusste, dass er sich mit Dominic abgesprochen hatte.
»Gute Nacht, Blair.« Vince Worte ließen keine Diskussion zu. Er diskutierte nie. Dann war er weg. Ließ mich zurück. Mit ihm.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust, mehr aus Trotz als aus Gleichgewicht. »Spionierst du mir jetzt auch schon im Wohnheim nach?«
Dominic stieß sich langsam von der Wand ab. Jede Bewegung kontrolliert. Als hätte er sich jeden einzelnen Schritt vorher überlegt und genau wissen, was er tat. Ich hasste, wie gefasst er war, während in mir alles durch-einanderlief.
»Du gehst nicht einfach rein und tust so, als wäre nichts.« Seine Stimme war nicht laut. Musste sie auch nicht sein. Die Worte trafen mich trotzdem wie ein Schlag gegen die Rippen. Meine Finger verharrten auf der Türklinke. Für einen Moment schloss ich die Augen. Natürlich dachte jeder, ich wäre einfach verschwunden und hätte die letzten zehn Wochen damit verbracht, vor allem davonzulaufen. Langsam drehte ich mich zu ihm um. »Ich tue nicht so, als wäre nichts«, sagte, ich und zwang meine Stimme unnahbar klingen zu lassen. »Ich will einfach nur meine Ruhe.« Eine Lüge. Zumindest teilweise. Ruhe war das Letzte, was ich in den vergangenen zehn Wochen gehabt hatte. Ich hatte nicht geschlafen. Nicht mit der Schuld, die sich wie ein Gewicht auf meine Brust gelegt hatte und mich jeden Morgen aufs Neue erdrückte.
»Die hattest du zehn Wochen.« Der Schmerz hinter seinen Worten traf mich härter, als ich zugeben wollte. Mein Magen zog sich zusammen. Weil er keine Ahnung hatte, wie oft ich nachts wach gelegen hatte oder nach meinem Handy gegriffen und seine Nummer angestarrt hatte. Wie oft ich mir gewünscht hatte, die Zeit zurückdrehen zu können. Stattdessen verschränkte ich die Arme vor der Brust. Eine letzte Verteidigungslinie. »Hab keinen Nerv für dich.« Die Worte klangen schärfer, als sie sollten. Und als ich den kurzen Schatten in seinem Blick sah, hasste ich mich sofort dafür. Aber wenn ich jetzt nachgab, auch nur einen Moment länger in diese Augen sah, würde die Mauer, die ich mühsam um mich herum aufgebaut hatte, endgültig zusammenbrechen.
»Du bist betrunken.«
»Herzlichen Glückwunsch«, murmelte ich. »Du kannst sehen.« Ich wollte rein, die Tür zu machen und Ende, doch seine Finger schlossen sich um mein Handgelenk. »Blair.«
Ich riss leicht an meinem Arm. »Lass mich.«
»Nein. Du gehst mir aus dem Weg und säufst dich jeden verdammten Abend weg—«
»Hör auf!« Ich riss stärker, an meinem Arm, wich einen Schritt zurück. »Du hast kein Recht—«
»Doch.«
Ich starrte ihn ungläubig an. »Nein, hast du nicht!« Wut stieg in mir auf. Meine Stimme war zu laut für diesen Flur.
Sein Kiefer spannte sich an. Ein Muskel zuckte kurz in seiner Wange, und plötzlich wirkte die Luft zwischen uns schwerer. »Ich weiß, dass du seit zehn Wochen jeden Tag trinkst, Blair. Nach jeder Schicht.« Mein Herz setzte einen Schlag aus. Nein, das wusste er nicht. Das durfte er nicht wissen. Für einen kurzen Moment vergaß ich sogar zu atmen. Er trat näher. »Immer.« Dieses eine Wort traf härter als alles andere, weil keine Wut oder Anklage darin lag. Nur diese schmerzhafte Gewissheit.
Als hätte er jeden einzelnen Abend mitgezählt und zugesehen, wie ich mich Stück für Stück selbst zerstörte. Hitze schoss mir in die Wangen. Nicht aus Zorn, sondern Scham. Weil er etwas aussprach, das ich selbst nicht laut denken wollte. Mein Blick wich seinem aus. Denn wenn ich ihn jetzt ansah, würde er die Wahrheit erkennen. Dass es nie um den Alkohol gegangen war. Sondern um ihn, die Erinnerungen und die Schuld. Um die Tatsache, dass ich seit zehn Wochen versuchte, einen Schmerz zu betäuben, der jedes Mal stärker wurde, sobald ich nüchtern war.
»Hast du nichts Besseres zu tun, als mich überwachen zu lassen?! Hast du Vince darauf angesetzt?«
»Ich habe ihn gebeten, auf dich aufzupassen.« Seine Stimme blieb leise. Aber die Spannung darunter war kaum zu überhören.
»Das ist krank, Dominic! Du kontrollierst mich jetzt also auch noch?« Vom hinteren Ende des Flurs schrie plötzlich die Stimme eines anderen Kommilitonen – scharf, gereizt und unüberhörbar. Sie schnitt durch die Stille wie ein Messer und ließ keinen Zweifel daran, dass ich zu laut war und endlich leiser sein sollte.
»Ich verhindere, dass du dich kaputt machst.« Die Worte trafen mich mit voller Wucht. Direkt dort, wo es ohnehin schon wehtat. Für einen Moment konnte ich nichts sagen. Mein Hals wurde eng, weil er nicht verstand. Mein Herz schlug schmerzhaft gegen die Rippen. Und plötzlich war ich so müde. Müde davon, stark zu sein, so zu tun, als hätte ich alles unter Kontrolle. Müde davon, jeden einzelnen Tag gegen mich selbst zu kämpfen. »Vielleicht will ich das!«
Die Worte brachen aus mir heraus. Lauter, als ich beabsichtigt hatte. Rauer und verzweifelter. Sofort breitete sich Stille zwischen uns aus. Doch jetzt konnte ich nicht mehr aufhören. »Vielleicht bin ich es leid, ständig die Vernünftige zu sein! Vielleicht bin ich es leid, jeden Morgen aufzuwachen und mich daran zu erinnern, was ich getan habe!« Meine Stimme zitterte. Verdammt, ich wollte nicht, dass sie zitterte. »Vielleicht tut es einfach weh, Dominic.« Sein Name verließ meine Lippen kaum mehr als ein Flüstern. Und plötzlich fühlte ich, wie die Wut in mir zusammenfiel und etwas viel gefährlicherem Platz machte. Trauer. »Vielleicht tut es so verdammt weh, dass ich manchmal nicht mehr weiß, wie ich damit leben soll.« Zum ersten Mal sah ich ihm direkt in die Augen. Und hasste es, dass er dort genau das fand, was ich seit Wochen vor allen versteckte. Dass ich längst dabei war zu zerbrechen.
Sein Blick wurde dunkler. Ich drehte mich weg und riss die Tür auf. »Verschwinde einfach.«
»Nein.« Seine Hand legte sich um den Türknauf.
»Dominic—«
»Du stellst dich mir jetzt.« In seiner Stimme lag keine Diskussion.
»Ich schulde dir gar nichts.«
»Stimmt. Aber ich lasse nicht zu, dass die Frau, die ich liebe, sich selbst zerstört.«
Alles stoppte. »Zu spät.« Meine Stimme war plötzlich leiser.
Ich wollte die Tür wieder zuschlagen, aber er ließ es nicht zu. Stattdessen ging er mir hinterher. Als wäre es sein Zimmer und ich hier absolut nichts zu sagen hatte.
»Bist du eigentlich komplett—« Ich brach ab, drehte mich zu ihm um. »Raus. Sofort.«
Er bewegte sich nicht. Sein Blick glitt durch den Raum.
»Du hast kein Recht, hier zu sein.«
»Und du hast kein Recht, dich so zu behandeln.«
»Es ist mein Leben!«
»Dann fang an, es auch so zu behandeln!« So hatte ich ihn nie erlebt. Sonst war Dominic kontrolliert, doch in diesem Moment verlor er ein Stück seiner Selbstbeherrschung. Ich wandte mich ab und musste Abstand zwischen uns schaffen, wollte weg von ihm und seinem Blick.
Mein Fuß stieß gegen den kleinen Beistelltisch neben dem Bett. Scheiße.
Ich erstarrte. Auf dem Tisch lag sie. Klein. Unscheinbar. Meine persönliche Flucht, wenn es gar nicht mehr ging. Stärker als Alkohol. Sein Blick blieb daran hängen. »Blair…«
»Fass das nicht an«, warnte ich ihn, doch er bewegte sich trotzdem. »Dominic, ich meine es ernst—«
Er hob die kleine Klinge vom Tisch und drehte sie leicht in seinen Fingern. »Was ist das?«
Die Frage war leise. Aber sie traf wie ein Schlag. Als ob er das nicht wüsste.
Ich verschränkte sofort die Arme. Abwehr. Reflex. »Gar nichts.«
Sein Blick hob sich und traf direkt meine Augen. Eisblau auf Grün. »Lüg mich nicht an.«
Ich schluckte. »Das ist nichts.« Schlechter Versuch.
Sein Kiefer spannte sich. »Du verletzt dich selbst.« Keine Frage oder Vermutung. Sondern eine Feststellung. Mein Herz setzte aus. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, er müsste es hören können. Dieses verräterische Stolpern in meiner Brust.
»Nein«, log ich. Die Lüge schmeckte bitter. Wir beide wussten, dass sie lächerlich war. Dominics Blick glitt nicht von mir weg. Nicht einen einzigen Moment.
Warum musste er mich immer so ansehen? Als könnte er unter meine Haut blicken und Dinge sehen, die ich mit aller Kraft versteckte.
Er machte einen Schritt auf mich zu. Die Klinge hielt er in der Hand. Als hätte er Angst, was passieren könnte, wenn er mich nur für einen Moment aus den Augen ließ. »Wie lange schon?«
Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Nicht diese Frage. Alles, nur nicht diese. »Gar nicht.« Eine weitere Lüge. Noch schlechter als die Erste. Ich wich zurück, bis mein Rücken gegen die Wand stieß. Sackgasse. So fühlte sich mein ganzes Leben in diesem Moment an.
»Blair.« Sein Tonfall ließ mich die Augen schließen. Die Warnung dahinter war deutlich herauszuhören.
Ich musste ihn loswerden. Hasste, dass er sich sorgte, die Wahrheit sah. Hasste, dass ein Teil von mir sich nichts sehnlicher wünschte, als die Mauer endlich fallen zu lassen und ihm alles zu erzählen. Wie weh es tat. Wie müde ich war. Wie sehr ich mich selbst nicht mehr ertrug. »Hör auf damit.« Meine Stimme klang brüchig. Nicht weil ich wollte, dass er aufhörte zu reden. Sondern recht zu haben. Weil jede weitere Sekunde unter seinem Blick die Gefahr größer machte, dass ich endgültig auseinanderfiel. »Du interpretierst da viel zu viel rein.«
Wen wollte ich hier eigentlich verarschen ...
»Du trinkst jeden Tag.« Er kam näher. »Du ziehst dich zurück.« Jetzt stand er wieder direkt vor mir. »Und jetzt das hier.« Er hob mir die Klinge vors Gesicht, als müsste er mich daran erinnern, was ich damit getan hatte. Genauer gesagt seit zehn Wochen tue. »Und du willst mir ernsthaft erzählen, dass alles in Ordnung ist?«
Ich hielt seinem Blick stand. Mit allem, was es kostete. »Ja.«
»Nein.« Seine Hand schloss sich fester um das Stück Metall. Jetzt war kein Abstand mehr zwischen uns. »Das hier ist der Punkt, an dem ich aufhöre, dich gehen zu lassen. Du wirst mich nicht los.«
Mein Magen zog sich zusammen. Seine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Genau das machten sie so gefährlich. Ich schluckte. Spürte, wie etwas in mir wackelte. »Ich will dich aber los sein.« Meine Stimme war leiser und längst nicht mehr so sicher.
»Glaub ich dir nicht.«
»Raus hier«, funkelte ich ihn an, doch er schien nicht einmal daran zu denken, sich zu bewegen. »Ich meine es ernst. Raus. Aus. Meinem. Zimmer.«
Kapitel 2
Dominic
»Raus.«
Sie sagte es zum dritten Mal, doch ich bewegte mich nicht.
Blair stand vor mir, barfuß, betrunken, mit zerzaustem Haar und Augen, die zu wach für ihren Zustand waren. Dieses Grün war nicht weich, sondern scharf. Verteidigend. Wie Glassplitter unter nackter Haut.
Ihre Arme waren vor der Brust verschränkt, aber ich sah das Zittern in ihren Fingern.
Das war schon immer mein Problem gewesen. Blair Donovan konnte den ganzen verdammten Campus anlügen. Ihre Freunde. Vince. Sogar sich selbst. Mich nicht. Nie. Weil ich jede Version von ihr kannte. Die Freche. Die Sture. Die Mutige. Aber auch die, die nachts wach lag und so tat, als würde sie nicht auseinanderbrechen. Die, die lächelte, obwohl ihr Herz längst blutete. Und genau diese Version stand gerade vor mir. Mit verschränkten Armen, zitternden Fingern und einem Blick, der verzweifelt versuchte, mich auf Abstand zu halten. Zu spät.
Ich hatte ihre Mauern schon vor langer Zeit kennengelernt. Und wusste genau, wie viel Schmerz dahinter verborgen lag.
»Gib sie mir.« Ihre Stimme klang fest. Ich senkte den Blick auf die kleine Klinge in meiner Hand. Sie war leicht. Lächerlich klein für etwas, das mir den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.
Mein Griff schloss sich fester darum. »Nein.«
Ein kurzes, humorloses Lachen brach aus ihr heraus. »Du kannst nicht einfach in mein Zimmer kommen, meine Sachen nehmen und dich aufführen, als wärst du—«
»Als wäre ich was? Jemand, dem nicht egal ist, ob du dich kaputt machst?«
Sie zuckte zusammen.
»Du weißt gar nichts.«
»Dann erklär es mir.«
»Nein.«
Natürlich nicht. Blair erklärte nichts, wenn es wehtat. Das hatte sie noch nie getan. Sie rannte, biss und machte sich kleiner zugleich, bis niemand mehr merkte, dass sie blutete. Sie verschwand. Zog sich zurück. Vergrub alles so tief in sich selbst, bis keiner an die Stellen gelangte, die schmerzten. Wenn die Welt zu laut wurde, lief sie davon. Wenn die Schuld zu schwer wurde, schluckte sie sie hinunter. Und wenn etwas sie zu zerbrechen drohte, biss sie um sich, als wäre Wut leichter zu ertragen als Schmerz. Dabei übersahen die meisten Menschen, was geschah. Dass sie sich mit jedem Rückzug ein kleines Stück mehr verlor. Mein Brustkorb zog sich zusammen.
Weil ich jede ihrer Fluchtstrategien kannte. Und weil ich wusste, dass sie wieder dabei war, vor mir davonzulaufen. Ich machte einen Schritt auf sie zu. Sofort wich sie zurück. Der Reflex kam so schnell, dass es wehtat. Als wäre selbst meine Nähe inzwischen etwas, vor dem sie sich schützen musste. Als wäre ich einer der Gründe dafür, dass sie überhaupt angefangen hatte zu bluten.
Mein Kiefer spannte sich.
»Hör auf, vor mir zurückzuweichen.«
»Dann hör auf, näherzukommen.«
»Kann ich nicht.«
Die Worte waren draußen, bevor ich sie kontrollieren konnte. Blair erstarrte.
Für eine Sekunde war es still zwischen uns. Nur ihr Atem. Der muffige Geruch ihres Wohnheimzimmers. Alkohol. Kalter Rauch in ihren Haaren. Etwas Süßes, das nach ihr roch und mich trotzdem traf wie ein Schlag.
Ihr Blick glitt zur Klinge. Dann wieder in mein Gesicht. »Du willst mich retten?«
Ich hasste diesen Ton. Dieses matte, müde Etwas darunter.
»Nein. Ich will, dass du aufhörst, so zu tun, als wärst du schon verloren.«
Ihre Lippen bebten kurz. Dann verzog sie den Mund. »Schöne Worte, Montgomery. Hast du die in einem deiner teuren Seminare gelernt?«
Da war sie wieder. Diese Waffe. Ihr Spott.
Ich hätte ihn fast vermisst, wenn er mir nicht das Herz aufgerissen hätte. »Zieh deine Ärmel hoch.«
Sie blinzelte. »Was?«
»Du hast mich gehört.«
Ihre Augen wurden dunkel. »Fick dich.«
»Blair.«
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf, trat einen weiteren Schritt zurück und stieß mit der Wade gegen ihr Bett. »Du hast kein Recht dazu.«
»Vielleicht nicht.«
Ich ging weiter auf sie zu. Nicht weil ich sie bedrängen wollte.
Sondern weil ich wusste, dass jede schnelle Bewegung sie endgültig brechen konnte. »Aber ich mache es trotzdem.«
Sie lachte wieder. Dieses scharfe, hässliche Lachen, das nicht zu ihr passte. »Natürlich. Du bist Dominic Montgomery. Du machst immer, was du willst.«
»Nicht bei dir.«
Das brachte sie zum Schweigen.
Meine Stimme war rauer geworden. »Bei dir habe ich zehn Wochen lang gemacht, was du wolltest. Ich bin gegangen, wenn du gegangen bist. Ich habe Abstand gehalten, wenn du Abstand wolltest. Ich habe jeden verdammten Tag vor deinem Wohnheim gestanden und gewartet, dass du vielleicht eine Sekunde länger aus dem Fenster schaust.«
Ihre Augen glänzten. »Hör auf.«
»Ich habe aufgehört, dir zu schreiben, weil du nicht geantwortet hast. Ich habe aufgehört, dich auf dem Campus abzufangen, weil du jedes Mal ausgesehen hast, als würde ich dir die Luft nehmen.« Mein Atem ging schwerer. »Aber das hier?« Ich hob die Klinge leicht. »Hier höre ich auf, dich entscheiden zu lassen.«
»Du bist krank.«
»Vielleicht.«
Ich beugte mich minimal zu ihr hinunter. »Aber noch hier.«
Sie schluckte. Es war eine winzige Bewegung, doch mein Blick hing daran fest. An ihrer Kehle. An der weichen Haut. Dem Puls, der darunter flatterte, als würde ihr Körper die Wahrheit verraten, die ihr Mund nicht aussprechen wollte.
Sie war betrunken, verletzt und zerbrechlich.
Trotzdem zog mich alles an ihr an wie eine verdammte Katastrophe.
Ich hasste, dass mein Körper selbst jetzt auf sie reagierte. Auf ihre Nähe, ihre Wärme und den Trotz in ihren Augen. Auf die Art, wie ihr Top an ihrem Körper klebte, weil sie geschwitzt hatte oder weil diese Nacht sie zerlegt hatte.
Ich zwang meinen Blick zurück auf ihr Gesicht. »Ärmel hoch.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein.«
Ich streckte die Hand aus.
»Fass mich nicht an.«
Für einen Moment standen wir da. Zwei Menschen in einem zu kleinen Zimmer, zwischen denen alles lag, was wir zerstört hatten. Dann brach ihre Stimme. »Bitte.«
Dieses eine Wort tat mehr weh als ihr Hass. Ihre Augen waren voller Panik. Nicht meinetwegen. Wegen dem, was ich sehen könnte.
»Blair«, sagte ich, und diesmal war nichts Kaltes mehr in meiner Stimme. Keine Wut oder Vorwürfe. Nur die verzweifelte Hoffnung, dass sie endlich aufhören würde, vor mir wegzulaufen. »Was hast du dir angetan?«
Für einen Moment dachte ich, sie würde antworten. Dass sie die Wahrheit aussprach. Stattdessen presste sie die Lippen zusammen. So fest, als würde allein das genügen, um alles zurückzuhalten. Dann löste sich eine einzelne Träne aus ihrem Auge. Nur eine. Sie lief langsam über ihre Wange. Und Blair wischte sie sofort weg. Als hätte niemand sie sehen dürfen.
Etwas, das man verstecken musste. Verdammt. Genau das brach mir das Herz. Nicht die Träne selbst. Sondern die Tatsache, dass sie glaubte, sie müsse sich dafür schämen. Dass sie immer noch dachte, sie müsse alles allein tragen. Selbst jetzt. Mein Brustkorb zog sich so fest zusammen, dass Atmen plötzlich Arbeit wurde. Weil ich begriff, wie lange sie das schon machte. Wie lange niemand sie aufgefangen hatte. Und wie oft sie geweint hatte, ohne dass es irgendjemand bemerkte.
Blair ließ niemanden ihre Tränen sehen. Sie hatte schon immer geweint, als wäre es etwas, wofür sie sich schämen musste. Als wäre Schmerz eine Schwäche und sie müsste ihn verstecken, bevor jemand bemerkte, wie sehr sie litt. Mein Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. Denn diese eine Träne verriet mehr als tausend Worte. Sie verriet, wie erschöpft sie war. Wie lange sie das alles mit sich herumtrug. Wie viel Kraft es sie kostete, jeden Tag so zu tun, als würde sie nicht langsam daran zerbrechen. Das Schlimmste daran war, dass sie immer noch versuchte, stark zu sein. Selbst mit roten Augen, zitternden Händen und einer Mauer im Rücken. Selbst, wenn sie offensichtlich keine Kraft mehr dafür hatte. »Verdammt, Blair ...« Meine Stimme war kaum ein Flüstern. Weil ich nicht wusste, was mehr wehtat. Zu sehen, wie sie litt. Oder zu wissen, dass sie all das allein getragen hatte.
Langsam legte ich die Klinge auf ihren Schreibtisch. Weit weg von ihr. »Hey—«
Sie starrte mich an, als hätte ich sie beraubt. Vielleicht hatte ich das.
»Ich hasse dich.«
»Ich weiß.«
»Nein.« Ihre Stimme wurde brüchiger. »Du weißt gar nichts. Du kommst hier rein mit deinem perfekten Gesicht und deiner perfekten Familie und deinem perfekten verdammten Leben und denkst, du kannst mir sagen, wie man überlebt?«
Ich biss die Zähne zusammen. »Mein Leben ist nicht perfekt.«
»Ach nein?« Sie lachte bitter. »Dann erzähl mir doch mal, Dominic. Wann musstest du das letzte Mal entscheiden, ob du Miete zahlst oder Lebensmittel kaufst? Wann hast du das letzte Mal deinen Vater vom Boden aufgehoben, weil er zu betrunken war, um selbst zu stehen? Wann hast du das letzte Mal gelächelt, während dir irgendein fremder Mann Geld in den Slip gesteckt hat, weil du sonst nicht wusstest, wie du weitermachen sollst?«
Die Worte schlugen zwischen uns ein. Eins nach dem anderen. Unaufhaltsam.
Der Raum wurde still und ich konnte nur das hektische Geräusch ihres Atmens hören.
Blair stand vor mir, die Schultern angespannt, die Augen glänzend vor Wut, Schmerz und etwas anderem.
Etwas, das verdammt nach Angst aussah. Als hätte sie selbst nicht geplant gehabt, diese Wahrheit jemals auszusprechen. Als hätte sie die Worte im selben Moment bereut, in dem sie ihre Lippen verlassen hatten.
Ihre Augen weiteten sich. Und dann sah ich sie. Die Scham. Sie kroch über ihr Gesicht wie ein Schatten. Nicht weil sie gelogen hatte. Sondern weil sie die Wahrheit gesagt hatte.
»Blair…«
»Nein.« Sie wandte sich ab. »Vergiss es. Vergiss einfach, was ich gesagt habe.«
Ich konnte nichts vergessen. »Sieh mich an.«
»Nein.«
»Blair.«
»Ich sagte nein!«
Sie drehte sich ruckartig um, aber ihr Gleichgewicht war schlechter, als sie dachte. Ihr Fuß rutschte weg, ihr Knie stieß gegen die Bettkante und sie kippte zur Seite.
Ich war schneller und fing sie an der Taille auf.
Ihr Körper prallte gegen meinen. Für den Bruchteil einer Sekunde blieb sie an mir. Ihre Hände krallten sich in mein Hemd. Ihr Gesicht war an meiner Brust, ihr Atem fühlte sich heiß durch den Stoff an.
Ich schloss die Augen. Nur eine Sekunde. Mehr erlaubte ich mir nicht.
»Setz dich.«
»Lass mich.«
»Nein.«
Bevor sie überhaupt begriff, was ich vorhatte, hob ich sie hoch. »Dominic!«, fauchte sie sofort.
Ihre Hände landeten auf meinen Schultern. Sie fluchte leise in mein Ohr. Trat halbherzig gegen mein Bein. Versuchte sich zu befreien. Zumindest tat sie so, denn wir beide wussten, dass sie es mir viel schwerer hätte machen können.
Blair war nicht schwach. Noch nie gewesen. Wenn sie wirklich gewollt hätte, wäre sie längst wieder auf dem Boden gestanden. Doch statt ernsthaft gegen mich anzukämpfen, spannte sie sich nur an. Aus Prinzip und Stolz. Vielleicht auch, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte. »Lass mich runter.«
Ihre Stimme klang schärfer, als der Griff ihrer Finger es war. Ich antwortete nicht. Spürte nur, wie ihr Herz gegen meinen Arm raste. Wie leicht sie geworden war. Ein weiterer Stich fuhr durch meine Brust. Weil ich plötzlich merkte, wie erschöpft sie war. Wie viel Last sie seit Monaten allein getragen hatte. Und wie lange niemand sie aufgefangen hatte. »Dominic.« Diesmal war ihr Ton leiser.
Ich sah zu ihr hinunter. Ihre Wimpern waren noch feucht von den Tränen, die sie verzweifelt hatte verstecken wollen. Ihre Mauern standen noch, aber sie bekamen Risse.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit wirkte Blair nicht wie die Frau, die gegen die ganze Welt kämpfte. Sondern wie jemand, der nur wollte, dass endlich die Waffen fallen gelassen wurden. Also zog ich sie ein wenig fester an mich. Nicht, um sie festzuhalten. Sondern damit sie für einen Moment aufhören konnte, sich allein zu tragen.
Ich setzte sie auf ihr Bett und stelle mich zwischen ihre Knie, weil sie sofort wieder aufstehen wollte.
Ihr Blick schoss zu mir hoch.
Da war sie wieder, diese Hitze. Dieser gefährliche Funke unter all dem Schmerz. Das, was uns von Anfang an ruiniert hatte.
Sie war betrunken. Ich wiederholte es in meinem Kopf, als wäre es ein Gebet. Also trat ich einen halben Schritt zurück.
Genug Abstand, um nicht zu vergessen, wer ich war. Nicht genug, um sie gehen zu lassen. »Ich bleibe heute Nacht hier.«
»Nein.«
»Doch.«
»Das ist mein Zimmer.«
»Dann setz dich durch.«
Ihre Augen funkelten. »Du bist so ein Arschloch.«
»Gerade eben? Ja.«
Sie starrte mich an. Dann sackten ihre Schultern minimal zusammen. Nicht Kapitulation, sondern Erschöpfung.
Ich zog mein Handy aus der Tasche und schrieb Vince.
Sie ist drin. Ich bleibe.
Die Antwort kam keine zehn Sekunden später.
Vince: Gut.
Ich hasste, dass er Teil davon war. Hasste, dass er sie in den letzten Wochen nach Hause gebracht hatte, während ich im Schatten stand und warten musste.
Aber mehr hasste ich, dass ich dankbar war.
Weil er sie gehalten hatte, als ich es nicht konnte.
»Schreibst du ihm?«, fragte Blair.
Ich hob den Blick. »Ja.«
»Natürlich.«
»Er macht sich Sorgen.«
»Vince macht sich nicht Sorgen.«
»Doch.«
»Nein.« Sie sah zur Seite. »Vince sammelt nur kaputte Dinge ein, weil er selbst nicht weiß, wohin mit seinen Scherben.«
Ich trat wieder näher, weil ich nicht anders konnte. »Alles, was dich betrifft, geht mich etwas an.«
Sie lachte tonlos. »Weil du mich liebst?«
»Ja.«
Das Wort fiel ohne Zögern. Ihr Gesicht veränderte sich. Sie presste die Lippen zusammen, als müsste sie verhindern, dass etwas aus ihr herausbrach. »Sag das nicht.«
»Ich liebe dich.«
»Hör auf.«
»Ich liebe dich, Blair.«
»Dominic—«
»Ich liebe dich, wenn du mich anlügst. Ich liebe dich, wenn du wegläufst. Ich liebe dich, wenn du so tust, als wärst du nichts wert.« Meine Stimme wurde leiser. Härter. »Und ich hasse jeden einzelnen Menschen, der dich glauben gemacht hat, dass du dafür bluten musst.«
Ihre Augen füllten sich. Diesmal wischte sie die Tränen nicht weg. Ich hatte sie schon gesehen. »Du weißt nicht, was du da sagst«, flüsterte sie.
»Doch.«
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Du liebst eine Idee von mir. Das Mädchen aus Camillas Garten. Die, die frech ist und dich nervt und so tut, als hätte sie keine Angst.« Die Worte trafen mich härter als jede Beleidigung. Weil sie wirklich glaubte, ich würde nur die einfachen Teile von ihr wollen. Die freche Blair. Die schlagfertige Blair. Die Blair, die mich wahnsinnig machte. Dabei war das nie der Punkt gewesen.
Ich ging vor ihr in die Hocke und spürte sofort, wie sie sich versteifte. »Dann zeig mir den Rest.«
Ihre Augen weiteten sich. Für einen Moment sah sie mich einfach nur an. Als hätte niemand diese Frage jemals gestellt. Als hätte jeder andere immer nur die Version von ihr gewollt, die leicht zu lieben war. Aber genau das verstand sie nicht. Die Frau vor mir war nicht trotz ihrer Narben liebenswert. Sondern mit ihnen. Mit ihrer Wut. Mit ihrer Angst. Mit den Teilen, die sie verzweifelt versteckte. Mit allem. »Zeig mir die Version von dir, vor der du selbst davonläufst.« Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Und dann lass mich entscheiden, ob ich gehe.« Weil die Wahrheit viel einfacher war. Ich würde nicht gehen.
Sie stockte und sah mich schockiert an. »Nein.«
»Warum?«
»Weil du dann gehst.«
Ich sah zu ihr hoch, und in diesem Moment wollte ich ihren Vater finden. Jeden Mann im Club. Jeden, der sie klein gemacht hatte. Jeden, der sie benutzt hatte. Jeden, der sie verlassen hatte. Stattdessen blieb ich sanft. Weil sie keinen weiteren Mann brauchte, der vor ihr explodierte.
Sie brauchte jemanden, der blieb. »Ich gehe nicht.«
»Das sagen alle.«
»Ich bin nicht alle.«
»Nein.« Ihr Lächeln war gebrochen. »Du bist schlimmer. Bei dir würde es wehtun.«
Ich schwieg. Weil sie recht hatte. Weil genau das zwischen uns stand.
Wenn ich ging, würde ich sie zerstören. Wenn sie ging, zerstörte sie mich.
Ich hob langsam die Hand. Gab ihr Zeit, zurückzuweichen, doch das tat sie nicht.
Meine Finger legten sich vorsichtig um ihr Handgelenk.
Sie zuckte zusammen. Nicht vor Schmerz, sondern Nähe. »Ich will es sehen.«
Ihr Blick flackerte. »Bitte nicht.«
Das Wort traf mich wieder. Bitte.
Ich würde es aus ihrem Mund nie wieder normal hören können.
Ich strich mit dem Daumen über die Innenseite ihres Handgelenks. Sanfter, als ich mich fühlte. »Dann sag mir, dass es frisch versorgt ist.«
Sie antwortete nicht. Mein Magen zog sich zusammen.
»Blair.«
Vorsichtig schob ich ihren Ärmel ein Stück hoch. Die Male auf ihrer Haut waren nicht das Schlimmste, was ich je gesehen hatte. Aber sie waren das Schlimmste, was ich je gefühlt hatte. Weil sie an ihr waren. An Blair. An der Frau, die ich mit meinen Händen halten wollte, bis sie aufhörte zu fallen.
Mein Griff wurde fester, aber nicht hart. »Wer weiß davon?«
Sie lachte kaputt. »Du.«
»Vince?«
»Nein.«
»Camilla?« Bei ihrem Namen zuckte sie zusammen.
»Nein.«
Ich atmete durch die Nase aus. »Wir reinigen das.«
»Es ist nicht—«
»Wir reinigen das.«
Sie sah mich erschöpft und wütend an. Scham lag in ihren Augen, doch sie war trotzdem so verdammt schön, dass es wehtat. »Du bist nicht mein Retter.«
»Gut.« Ich stand auf. »Dann eben dein Problem.« Sie schnaubte leise. Fast ein Lachen.
Ich ging ins kleine Badezimmer, suchte in den Schränken nach Verbandzeug, fand kaum etwas außer Make-up-Entferner, Schmerztabletten und ein altes Pflasterpaket. Warum wunderte mich das nicht. Blair hatte keine richtige Hausapotheke. Sie hatte Lügen, Alkohol und eine Schublade voller Ausreden.
Sie saß noch immer auf dem Bett. Kleiner als vorher und ich kniete mich wieder vor sie.
Nahm ihr Handgelenk. Diesmal ließ sie es zu.
Ich reinigte die Stelle vorsichtig. »Tut es weh?«
»Nicht sehr.«
»Lüg mich nicht an.«
Sie hielt meinem Blick stand. »Nicht so sehr wie anderes.«
Mein Brustkorb zog sich zusammen, als ich das Pflaster aufklebte. Meine Finger verweilten einen Moment zu lang auf ihrer Haut.
Diese verdammte Spannung kroch zurück, unpassend und unvermeidlich. Ihr Blick glitt zu meinem Mund. Nur eine Sekunde. Aber mein Körper reagierte sofort. »Du solltest schlafen.«
Ihre Augen hoben sich. »Und du solltest gehen.«
»Nein.«
Sie atmete zitternd aus. »Dominic.«
Mein Name aus ihrem Mund war gefährlich. Immer. Aber heute Nacht besonders. Weil er nicht bissig klang. Sondern müde.
Ich stand auf, weil ich sonst etwas Dummes getan hätte. »Leg dich hin.«
»Befiehlst du mir jetzt auch noch, zu schlafen?«
»Ja.«
»Du bist unerträglich.«
»Ich weiß.«
Sie rutschte widerwillig zurück, zog die Beine aufs Bett und griff nach der Decke. Ihre Bewegungen waren ungelenk vom Alkohol. Als sie versuchte, ihre Schuhe auszuziehen, fluchte sie. »Warum bist du wirklich hier?«, fragte sie leise.
Ich blieb neben dem Bett stehen.
»Weil du gegangen bist.«
»Ich musste.«
»Nein.« Meine Stimme war leise. »Du hattest Angst.«
»Das ist dasselbe.«
»Nicht für mich.«
Sie lachte schwach. »Für dich ist alles einfach.«
»Nichts an dir ist einfach.«
Ihre Lippen öffneten sich minimal.
Meine Finger juckten danach, sie zu berühren. Ihr Haar aus dem Gesicht zu streichen. Meine Hand an ihre Wange zu legen. Sie zu küssen, bis sie aufhörte, sich selbst als Gift zu sehen. Stattdessen zog ich den Stuhl vom Schreibtisch ans Bett und setzte mich.
Blair runzelte die Stirn. »Was machst du?«
»Wachen.«
»Das ist creepy.«
»Dann schlaf schneller.«
Ein kleines, echtes Geräusch entwich ihr. Fast ein Lachen.
Mein Herz zog sich zusammen, als sie sich auf die Seite drehte, wissend, dass ich nicht verschwinden würde. »Ich hasse dich immer noch.«
»Ich weiß.«
»Nein, tust du nicht.«
Die Minuten vergingen. Ihr Atem wurde langsamer. Unruhig, aber tiefer.
Ich blieb sitzen. Die ganze Nacht, wenn nötig.
Vince: Trinkt sie?
Ich sah zu Blair, ihrer Hand, die halb unter der Decke hervor sah. Zu dem Pflaster auf ihrer Haut.
Nein.
Danke fürs bescheid geben.
Vince: Pass auf sie auf.
Mein Griff um das Handy wurde so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Als hätte ich jemals etwas anderes getan.
Blair bewegte sich unruhig. Ein leises Geräusch kam aus ihrer Kehle. Kein Wort. Mehr ein gebrochener Atemzug.
»Blair?«
Sie antwortete nicht. Ihre Stirn verzog sich. Ihre Finger krallten sich in die Decke. »Nein«, murmelte sie.
Ich war sofort auf den Beinen. »Blair.«
»Nicht…« Ihre Stimme war kaum hörbar. »Bitte nicht.«
Mein Blut wurde eiskalt. Ich setzte mich vorsichtig auf die Bettkante. »Hey.« Und legte meine Hand auf ihre Schulter. »Blair, wach auf.«
Sie zuckte heftig zusammen und riss die Augen auf. Für eine Sekunde sah sie mich nicht.
Sie sah irgendwen anderes. Ihr Atem ging stoßweise. »Hey«, sagte ich leise. »Du bist hier. Wohnheim. Ich bin es.«
Sie starrte mich an. Dann brach etwas in ihrem Gesicht. Groß genug, dass ich sehen konnte, wie viel dahinter lag. »Will nicht mehr so sein«, flüsterte sie.
Ich wusste nicht, ob sie es überhaupt zu mir sagte und strich ihr das Haar aus der Stirn. Diesmal ließ sie es zu.
»Dann bist du es morgen nicht allein.«
Ihre Augen füllten sich wieder.
»Ich kann nicht aufhören.«
»Dann halte ich dich fest, bis du es kannst.«
Sie sah auf meinen Mund. Dieser Blick sorgte dafür, dass mein ganzer Körper hart vor Anspannung wurde. Nicht nur vor Verlangen, sondern Zurückhaltung. Vor Schmerz. Vor all dem, was zwischen uns verboten und trotzdem unvermeidlich war. »Küss mich«, flüsterte sie.
Mein Herz setzte aus. »Nein.«
Sie blinzelte, als hätte ich sie geschlagen. »Was?«
Ich schloss kurz die Augen. Scheiße.
»Du bist betrunken.«
»Ich weiß, was ich will.«
»Heute nicht.«
Blair sah mich wütend an. Doch darunter lag mehr: Verletzung und Scham. »Natürlich.« Sie wandte sich ab. »Zu kaputt für deine heiligen Prinzipien?«
Ich packte ihr Kinn. Sanft, aber bestimmt. Drehte ihr Gesicht zurück zu mir.
»Sieh mich an. Ich will dich.« Mein Daumen lag an ihrem Kinn. Viel zu nah an ihrem Mund. »Ich will dich so sehr, dass es mich seit Monaten wahnsinnig macht. Ich will dich, wenn du mich anschreist. Ich will dich, wenn du mir wehtust. Ich will dich sogar jetzt, und genau deshalb werde ich dich nicht anfassen, während du kaum stehen kannst und glaubst, du müsstest dich über meinen Körper beweisen.«
Ihre Lippen bebten.
»Dominic…«
»Wenn ich dich küsse, Blair, dann wirst du nüchtern sein.« Meine Stimme wurde dunkler. »Du wirst mich ansehen und genau wissen, was du tust. Du wirst mir sagen, dass du mich willst. Nicht, weil du fliehen willst. Nicht, weil du dich bestrafen willst. Sondern weil du es nicht mehr erträgst, es nicht zu tun.«
Ihr Atem beschleunigte sich leicht. Aber ich bemerkte es trotzdem. So wie ich alles. Die Art, wie sich ihre Brust hob und senkte. Wie ihre Lippen sich einen Spalt öffneten. Wie ihre Augen zwischen meinen hin und her wanderten, als würde sie nach einem Ausweg suchen und gleichzeitig hoffen, keinen zu finden. Verdammt.
Ich ließ ihr Kinn los. Nicht weil ich es wollte. Sondern musste. Weil jeder weitere Moment meine ohnehin brüchige Selbstbeherrschung gefährlich ins Wanken brachte. Weil sie viel zu nah war. Und weil ich längst nicht mehr wusste, ob ich sie festhielt, um sie zu schützen oder um mich selbst davon abzuhalten, sie an mich zu ziehen. Mein Herz schlug hart gegen meine Rippen. Zehn Wochen. Zehn verdammte Wochen hatte ich versucht, sie zu vergessen. Zehn Wochen voller Wut. Schlafloser Nächte. Und der Gewissheit, dass sie gegangen war, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Doch jetzt stand sie hier.
Und alles, was ich mühsam begraben hatte, brach wieder an die Oberfläche. »Und dann«, sagte ich leise. Meine Stimme klang rauer, als sie sollte. Das machte es gefährlicher, weil es ehrlich war. »... werde ich nicht sanft genug sein, um so zu tun, als hätte mich das hier nicht fast umgebracht.«
Für einen Moment sagte niemand etwas. Ich hielt ihren Blick fest. Ließ sie sehen, was ich zehn Wochen lang versteckt hatte. Den Schmerz, die Wut und die Sehnsucht, die Tatsache, dass ihr Weggehen etwas in mir zerstört hatte, das ich nie wieder hatte zusammensetzen können. »Du glaubst immer, du bist die Einzige, die leidet«, flüsterte ich. »Aber du hast keine Ahnung, was mit mir passiert ist, als du gegangen bist.«
Sie starrte mich an. Rot auf den Wangen. Tränen in den Augen. Lust, Schmerz und Scham, alles ineinander verdreht. »Du bist grausam.«
»Nein. Ich bin verliebt.«
Sie sagte nichts mehr. Diesmal dauerte es länger, bis sie einschlief. Aber irgendwann wurde ihr Atem gleichmäßiger.
Ich blieb. Die ganze Nacht. Sah zu, wie sie schlief, als könnte allein mein Blick verhindern, dass die Dunkelheit sie wieder verschluckte.
Gegen vier Uhr morgens vibrierte mein Handy erneut.
Diesmal war es nicht Vince. Sondern Camilla.
Ich starrte auf ihren Namen.
Länger, als nötig gewesen wäre. Der Bildschirm verschwamm für einen Moment vor meinen Augen. Meine Schwester. Früher hatte sie mir wegen jeder Kleinigkeit geschrieben. Belanglose Fotos geschickt. Schlechte Witze. Sprachnachrichten mitten in der Nacht. Heute herrschte zwischen uns etwas, das sich schlimmer anfühlte als Streit. Enttäuschung. Seit Wochen bestand jede Nachricht aus Distanz, unausgesprochenen Vorwürfen und der Frage, die sie nie direkt stellt und die ich trotzdem in jeder einzelnen Zeile lesen konnte: Wie konntest du das tun?
Mein Daumen schwebte über ihrem Namen. Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in meiner Brust aus. Weil ich wusste, dass ich ihr nicht die Schuld geben konnte.
Langsam öffnete ich die Nachricht. Sie bestand nur aus einem einzigen Satz. Keiner Begrüßung oder Erklärung. Nur wenige Worte.
Camilla: Ist sie bei dir?
Mein Blick ging zu Blair. Zu ihrem erschöpften Gesicht.
Zu der Hand unter der Decke. Zu dem Pflaster, das ich darunter wusste.
Ja.
Die Antwort kam fast sofort.
Camilla: Sag ihr nicht, dass ich gefragt habe.
Ich schloss die Augen. Verdammt, Cami. Auch sie blutete. Nur anders.
Okay.
Dann legte ich das Handy weg und lehnte mich zurück.
Die Morgendämmerung kroch langsam durch das kleine Fenster. Grau. Kalt. Schonungslos.
Blair bewegte sich im Schlaf, drehte sich auf den Rücken. Eine Strähne fiel ihr über die Lippen.
Ich stand auf, bevor ich darüber nachdenken konnte, und strich sie ihr vorsichtig weg. Meine Finger blieben einen Moment an ihrer Wange. »Du wirst mich nicht los«, flüsterte ich.
Sie antwortete nicht. Aber ihr Gesicht entspannte sich unter meiner Berührung. Und das reichte. Für diese Nacht. Für diesen Morgen. Für den nächsten Kampf.
Denn ich wusste, sobald sie aufwachte, würde sie mich wieder hassen.
Sie würde schreien. Lügen. Vielleicht weinen. Aber diesmal würde ich nicht gehen.
Blair Donovan hatte zehn Wochen lang geglaubt, sie könnte mich retten, indem sie mich verlor.
Sie hatte sich geirrt. Ich war kein guter Mann oder Held, wenn es um sie ging. Ich war nicht selbstlos.
Ich war der Mann, der in einem zu kleinen Wohnheimzimmer saß, eine Klinge aus ihrer Reichweite genommen hatte und bereit war, jeden Menschen zu zerstören, der ihr noch einmal das Gefühl gab, verschwinden zu müssen.
Und als die Sonne über New York aufging, traf ich die erste klare Entscheidung seit zehn Wochen.
Ich würde Blair nicht zurückholen, nicht überzeugen und nicht bitten. Ich würde neben ihr bleiben, bis sie keine Kraft mehr hatte, vor mir wegzulaufen. Und wenn sie fiel?
Dann würde ich mit ihr fallen. Aber ich würde sie nicht allein unten liegen lassen.
Die Klinge lag schwer auf ihrem Schreibtisch.
Zu klein, um Gewicht zu haben und zu leicht, um sich so anzufühlen.
Die Stadt wirkte langsamer. Gedämpfter seit zehn Wochen. Als würde selbst New York einen Gang runterschalten.
Nur ich nicht.
Zehn Wochen.
Zehn Wochen, in denen ich genau das getan hatte, was Blair wollte. Abstand halten.
Es fiel mir schwerer, als ich es mir vorstellte. Ich schwor mir an jenem Abend, um sie zu kämpfen, doch erkannte, dass sie Zeit brauchte. Diese Zeit war ich bereit, ihr zu geben – erst mal. Damit war jetzt Schluss.
In den letzten Wochen träumte ich jede Nacht von ihr. Das war die einzige Möglichkeit, wie sie bei mir sein konnte. Die einzige, die sie zuließ, weil sie keine andere Wahl hatte. Meine Träume konnte sie nicht beeinflussen.
Ich sah sie jeden Tag auf dem Campus. Und trotzdem—
sah sie mich nicht.
Sie hielt meinen Blick nie länger als sieben Sekunden. Ich hatte gezählt. Immer bewusst, um herauszufinden, ob sie sich erinnerte.
Sie sah mir nie länger in die Augen. Meistens nicht einmal zwei Sekunden.
Sie mied mich gezielt und effizient. Als wäre ich ein Problem, das man umgehen konnte, wenn sie nur präzise genug plante.
Andere Kurse.
Andere Wege.
Andere Zeiten.
Alles, um mir nicht zu begegnen. Und wenn es doch passierte—
Wenn sie mir nicht ausweichen konnte—
war ich für sie ... Luft.
Ich hatte Vince darum gebeten, auf sie aufzupassen. Ein Satz hatte gereicht. Pass auf sie auf. Ohne Drama und Erklärung. Er hatte verstanden und ein Auge auf sie. So war ich wenigstens ... beruhigter. Zumindest ein bisschen. Wenn sie arbeitete und ich nicht da war. Wenn sie sich wieder in einer Welt bewegte, die nichts mit meiner zu tun hatte.
Ich hatte gedacht, das würde reichen, bis sie genug Zeit zum Nachdenken hatte. Stattdessen zerstörte sie sich selbst.
Mein Blick wurde hart. Ich werde nicht zulassen, dass sie litt.
Die Worte waren kein Gedanke, sondern eine Entscheidung.
Ich fuhr mir übers Gesicht. In diesem Moment wusste ich: Ein Montgomery gibt vieles auf. Zeit. Geduld. Distanz. Aber niemals das, was ihm gehörte. Und sicher nicht die Frau, die er liebte.
Blair war nicht das Problem. Ich atmete langsam ein. Und zum ersten Mal seit Wochen hörte ich auf, gegen diese Erkenntnis anzukämpfen. Das Problem war nie Blair gewesen. Ich war es. Meine Welt. Dieses verdammte, perfekt geordnete Universum, das ich mir über Jahre aufgebaut hatte. Ein Leben aus Kontrolle, Erwartungen und Regeln. Alles hatte seinen Platz und musste funktionieren. Fehler waren Schwächen. Chaos war eine Bedrohung. Und Gefühle waren etwas, das man beherrschte. Nicht etwas, dem man nachgab.
Ich hatte geglaubt, Blair würde irgendwann ihren Platz darin finden. Dass sie sich einfügen und anpassen würde. Dass die Ecken und Kanten, die ich an ihr gleichzeitig liebte, und fürchtete, irgendwann verschwinden würden.
Wie blind ich gewesen war. Denn Blair war nie dafür gemacht, sich anzupassen. Sie war nicht das Problem. Meine Welt war es. Ich hatte versucht, sie unbewusst in etwas hineinzuzwingen, das sie langsam erstickt hätte. Und als sie sich dagegen gewehrt hatte, hatte ich geglaubt, sie würde sich von mir entfernen. Dabei hatte sie nur aufgehört, sich selbst für andere kleiner zu machen.
Mein Blick blieb auf ihr liegen. Auf der Frau, die so verdammt viel durchgestanden hatte und trotzdem noch stand. Die jeden Tag kämpfte, obwohl sie erschöpft war. Die sich nie verbogen hatte. Und plötzlich begriff ich etwas, das mir längst hätte klar sein müssen. Ich wollte keine perfekte, kontrollierte, funktionale Welt.
Nicht, wenn sie darin keinen Platz hatte. Wenn ich die Wahl zwischen diesem sorgfältig aufgebauten Leben und Blair treffen müsste ...
Dann würde ich alles andere verlieren. Ohne zu zögern. Weil sie nie das Chaos in meinem Leben gewesen war. Sie war der einzige Teil davon, der sich jemals wie Zuhause angefühlt hatte.
My Forbidden Crush
Lilith Wylde
Genre: New Adult / College Romance
Seiten: 458
Kindle Unlimited: Bereits erhältlich
Print: Bereits erhältlich
Darum geht's
Wir dürfen uns nicht ansehen.
Nicht berühren.
Nicht wollen.
Sie ist absolut tabu. Und genau deshalb will ich sie.
Willkommen im Kingsford Hall College.
Wo Loyalität alles bedeutet - und Verlangen alles zerstören kann.
Blair Donovan weiß, wie man überlebt. Als Stipendiatin am elitären Kingsford Hall College bewegt sie sich in einer Welt aus altem Geld, perfekten Fassaden und unausgesprochenen Regeln - Regeln, die für Menschen wie sie nicht gemacht sind. Doch die gefährlichste Regel von allen trägt einen Namen: Dominic Montgomery. Er ist der Sohn einer der mächtigsten Familien der Ostküste. Kontrolliert und absolut unerreichbar - der Bruder ihrer besten Freundin. Zwischen ihnen darf es nichts geben - nicht wegen ihrer Familien, nicht wegen ihres Lebens, das seine Welt zerstören würde. Und ganz sicher nicht wegen Camilla - ihrer besten Freundin und seiner Schwester. Dominic behandelt sie, als würde sie ihn stören. Geht ihr aus dem Weg. Lässt sie glauben, sie wäre ihm gleichgültig. Als wäre sie ein Problem, das man elegant ignoriert. Doch hinter seiner kühlen Fassade liegt eine Wahrheit, die er mit allen Mitteln verdrängt. Etwas Intensiveres. Etwas, das er um jeden Preis beherrschen muss.
Ein Blick.
Eine Berührung.
Ein einziger Moment ohne Kontrolle.
Er hält Abstand, weil er sie zu sehr will. Weil ein Montgomery keine Schwäche zeigen darf. Und sie seine größte wäre. Eine Nacht. Ohne Regeln. Ohne Masken. Ohne Kontrolle. Und am nächsten Morgen ist nichts mehr, wie es einmal war. Denn manche Regeln existieren nur, um gebrochen zu werden. Und manche Gefühle sind zu mächtig, um sie sich für immer zu verbieten.
Tropes
My Forbidden Crush
Lilith Wylde
Kapitel 1
Blair
New York schlief nie.
Aber hier, im Stadthaus der Montgomerys, fühlte es sich an, als hätte jemand die Stadt ausgesperrt. Was verrückt war, denn wir befanden uns mitten in Manhatten.
Und trotzdem – hinter den hohen Sandsteinmauern, den schmiedeeisernen Toren und den akkurat geschnittenen Hecken – existierte eine andere Welt. Eine leisere. Eine, die sich ein bisschen kontrollieren ließ. Anders, als bei mir zu Hause.
Ich war gern hier. Das Stadthaus war mein zweites Zuhause. Frische Lilien zierten jede Ecke des Gartens. Ihr Duft lag schwer und süß in der Abendluft, vermischte sich mit dem Geruch von frisch gemähtem Rasen und warmem Stein. Alles war makellos. Nicht einmal der Rasen erlaubte sich eine Unebenheit. Kein Blatt lag falsch. Kein Kieselstein war fehl am Platz. Selbst die Luft roch nach Ordnung. Nach teurem Holz, polierten Marmor und diskreter Perfektion. Hier passten keine Zufälle. Hier wurde entschieden.
Und das Beste? Es gab einen Pool – direkt hinter dem Haus. Mitten in Manhatten. Als hätte jemand beschlossen, dass Regeln für andere galten. Aber genau so waren die Montgomerys.
Hohe Mauern zogen sich um das gesamte Grundstück, massiv und einschüchternd, mit Efeu überwachsen, der sich wie ein grüner Vorhang über die Fassade legte. Von außen hörte man das entfernte Rauschen der Stadt – Sirenen, Autohupen, das dumpfe Brummen von Leben.
Hier drin? Hier drin herrschte Stille, wie in einem Kokon. Das Wasser im Pool lag glatt und dunkel im Becken, nur gelegentlich durchbrochen von einem leisen Plätschern der eingelassenen Lichter. Abends spiegelten sich die Fenster des Hauses darin, warm und golden, als würde das Stadthaus sich selbst betrachten. Man hatte das Gefühl, die Welt existierte nur bis zu diesen Mauern. Als hätte jemand einen Schutzkreis gezogen – gegen Chaos, gegen Lärm, gegen alles Unkontrollierbare.
Camilla lag auf einer der Liegen, die Sonnenbrille ins Haar geschoben, der Bikini makellos wie alles an ihr. Gedankenverloren scrollte sie durch ihr Handy – wieder durch irgendeinen perfekt kuratierten Feed, der mehr Schein als Leben war. Ich hatte einen Ohrstöpsel im Ohr und hörte zum dritten oder vierten Mal Unwritten von Natasha Bedingfield.
Irgendwie liebte ich diesen Song. Ich würde ihn hundertmal hören und mich trotzdem jedes Mal wieder dabei ertappen, wie ich leise mitsang. Vielleicht, weil er sich nach Anfang anfühlte. Nach Möglichkeiten. Nach einem Leben, das nicht festgelegt war.
Oder, weil er mich für ein paar Minuten von allem ablenkte, was außerhalb dieser Mauern wartete. Von meinem Vater, den unbezahlten Rechnungen und der Realität.
Das hier – der Pool, die warmen Steinplatten unter meinen Füßen, das leise Plätschern des Wassers – war wie ein kurzer Ausbruch aus meinem eigenen Leben. Und das Stadthaus der Montgomerys? Es war die schönste Lüge, in der ich je willkommen war.
»Ist es nicht verrückt, dass wir jetzt schon im dritten Semester sind?«, unterbrach Camilla meine Gedanken.
Ich zog mir den Ohrstöpsel aus dem Ohr und setzte mich auf. Die Steinplatten unter mir hatten die Wärme des Tages gespeichert. Sie fühlten sich an wie etwas Beständiges. Etwas, das blieb. »Verrückt ist relativ«, antwortete ich ihr. »Du hast es doch geplant. Drittes Semester, perfekte Noten, perfektes Praktikum, perfekter Lebenslauf.« Camilla schnaubte leise, ohne vom Bildschirm aufzusehen. »Das nennt man Struktur.«
Struktur. Ein Wort, das hier besser funktionierte als irgendwo sonst. Ein Wort, das in meinem Leben keine Bedeutung hatte. So sehr ich es mir wünschte.
Ich stand auf und ging zum Beckenrand. Das Wasser war dunkelblau, fast schwarz, nur von den eingelassenen Lichtern erhellt, die wie kleine Sterne unter der Oberfläche schimmerten. »Komm«, stichelte ich und sah über die Schulter zu ihr zurück. »Lass uns schwimmen.« Sie senkte langsam das Handy. »Jetzt?«
»Wann sonst? Es ist perfekt.«
Ein warmer Wind strich durch die Hecken und brachte die Lilien zum Rascheln. Für einen Moment war da nur das leise Plätschern des Wassers und das ferne, gedämpfte Heulen einer Sirene jenseits der Mauern. Camilla musterte mich. »Du bist heute komisch ruhig.«
»Ich bin immer ruhig«, gab ich zurück. »Nein.« Sie legte das Handy beiseite und setzte sich auf. »Heute denkst du zu viel.« Ich lächelte schwach. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht dachte ich daran, dass es Menschen gab, die hier geboren wurden – in diesen Mauern, in dieser Sicherheit – während andere sich jeden Zentimeter Stabilität erkämpfen mussten. Vielleicht dachte ich daran, dass ich zwar hier sitzen durfte, aber nie dazugehören würde. »Blair.« Ich sah sie an. »Was?«
»Du schaust wieder so, als würdest du gleich verschwinden.« Wie recht sie doch hatte. Etwas in mir zog sich zusammen. Camilla kannte mich zu gut. Und doch wusste sie lange nicht alles über mich. Ich trat einen Schritt zurück, zog mein Shirt über den Kopf und warf es auf die Liege. Die Luft auf meiner Haut war warm, beinahe schwer. »Dann halte mich auf«, quiekte ich. Und bevor sie etwas erwidern konnte, sprang ich ins Wasser. Für einen Moment war alles still. Kein Vater. Keine Rechnungen. Keine Vergangenheit. Nur Kälte auf meiner Haut, Druck in meinen Ohren und dieses schwerelose Gefühl, das mich immer daran erinnerte, dass ich da war.
Als ich wieder auftauchte, schnappte ich nach Luft. Camilla stand am Beckenrand, die Hände in die Hüften gestemmt. »Du bist unmöglich.« Ich grinste. »Komm schon.« Sie verdrehte die Augen – und sprang. Das Wasser schlug über uns zusammen, brach die glatte Oberfläche, zerstörte die perfekte Spiegelung des Hauses.
Camilla tauchte neben mir auf, strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und blinzelte mich an. »Du bist verrückt.«
»Du liebst es«, erwiderte ich und spritzte ihr eine Ladung Wasser ins Gesicht. Sie japste empört auf – nur um sich im nächsten Moment zu revanchieren. Kaltes Wasser traf mich an der Schulter, dann im Gesicht. Ich quietschte auf, versuchte auszuweichen, aber sie war schneller, als sie aussah. »Camilla!«
»Zu langsam«, spottete sie und wir mussten beide lachen. Nicht dieses höfliche, kontrollierte Lachen, das man bei Dinnerpartys anwendete. Sondern dieses Echte. Laute. Nicht perfekte.
Das Wasser schwappte über den Rand des Beckens, durchnässte die warmen Steinplatten. Die sorgfältig kuratierte Stille des Gartens bekam Risse. Für einen Moment waren wir nur zwei Mädchen in einem Pool. Keine Erwartungen. Keine Nachnamen. Vielleicht war genau das der Grund, warum ich sie so mochte. Warum sie meine beste Freundin war.
Wir hätten uns nie verstehen dürfen, wenn man nach der Wissenschaft ging.
Camilla Montgomery – aufgewachsen zwischen Galas, Investmentgesprächen und Sommern in den Hamptons.
Und ich. Das Stipendienmädchen mit einem mehr als heiklen Nebenjobs und einem Vater, der nie wusste, wann Schluss war. Kennengelernt haben wir uns im Junior Year an der Highschool. Ich erinnerte mich genau an den ersten Tag. Sie saß allein in der Cafeteria, perfekt aufrecht, das Haar glänzend, der Blazer wie maßgeschneidert. Niemand setzte sich zu ihr – nicht weil sie unsympathisch war. Sondern weil ihr Nachname einen unsichtbaren Abstand schuf. Ich hatte kein Interesse an Abstand. Also setzte ich mich. »Ist hier frei?«, hatte ich gefragt, obwohl der Tisch offensichtlich leer war. Sie sah auf. Kurz musterte sie mich – nicht abschätzig. Nur prüfend. »Wenn du kein Problem damit hast, dass mein Nachname länger ist als deine Geduld.« Ich grinste. »Kommt drauf an, wie lang er ist.« Ein Zucken umspielte ihre Mundwinkel. Fast ein Lächeln.
Das war unser Anfang. Später kam die Sache hinter der Aula. Der Politiker-Sohn mit zu viel Selbstbewusstsein und zu wenig Respekt. Harrison Cole. Wir verarschten ihn immer. Seine Frisur zu schmalzig auf die Seite gezogen. Sein Outfit: Ja-ich-geh-in-die-Politik-und-jeder-soll-es-Sehen. Seine Hand an Camillas Hüfte. Ihr Lächeln – eisig. Sie hätte nie etwas gesagt. Dafür war sie zu kontrolliert – was für mich nicht galt. Ich ging dazwischen. »Fass sie nochmal an und ich brech dir den Finger, Schmalzlocke.« Ich meinte es ernst. Er wusste es. Am nächsten Tag setzte sie sich wieder neben mich. Und blieb.
Seitdem waren wir unzertrennlich. Nicht weil wir gleich waren. Sondern weil wir es nicht waren.
Ich schwamm zurück zum Beckenrand und zog mich am kühlen Stein hoch. Wasser lief mir über die Schultern, tropfte auf die Platten und hinterließ kleine, dunkle Spuren auf der makellosen Oberfläche. Camilla blieb im Wasser und ließ sich treiben. »Kannst du mir bitte mein Haargummi aus meinem Zimmer holen? Es liegt auf meinem Schreibtisch.« Ich schnaubte leise. »Du willst mich nur als Boten benutzen.«
»Natürlich. Wofür sind beste Freundinnen sonst da?« Sie lächelte unschuldig, dann wurde ihr Blick schärfer. »Und Blair?«
»Hm?«
»Wenn du Dominic siehst…« Sie zögerte kurz. »Streitet bitte nicht wieder.« Mein Herz machte einen verräterischen kleinen Sprung. »Wir streiten nicht«, warf ich zu schnell ein. Camilla hob nur eine Augenbraue. »Ihr nennt es Diskussion. Ich nenne es gegenseitig umbringen – allein mit Blickkontakt.« Ich verdrehte die Augen, schnappte mir mein Shirt und streifte es über meine nasse Haut. »Er kann mich nicht ausstehen.« Das stimmte. »Er kann dich sehr wohl ausstehen«, widersprach Camilla sofort.
»Nein, kann er nicht.« Und das stimmte. Wann immer Dominic Montgomery mich sah oder mir auf dem Flur über den Weg lief, wich er aus. Als wäre ich ein Hindernis, das man elegant umging, ohne es zu berühren. Und wenn Ausweichen nicht möglich war, bekam ich diese knappen, spitzen Bemerkungen – beiläufig, trocken, mit diesem genervten Gesichtsausdruck, als würde ihn allein meine Anwesenheit aus dem Gleichgewicht bringen. Als wäre meine bloße Existenz eine Unannehmlichkeit. Camillas Bruder. Der Sohn aus altem Geld. Der Erbe. Der Junge, der Räume kontrollierte, ohne die Stimme zu heben.
Und ausgerechnet er schaffte es, mich aus der Fassung zu bringen. Ich wusste nicht, was ich schlimmer fand – dass er mich ignorierte, oder dass ich es trotzdem jedes Mal bemerkte, wenn er einen Raum betrat. Dass ich genau wusste, wie seine Hemdsärmel saßen. Wie sich seine Stirn minimal verzog, wenn ihn etwas störte. Wie seine Augen einen Moment zu lange auf mir ruhten – bevor er sie wieder entzog. »Blair«, bemerkte Camilla warnend. Ich zwang mich, die Schultern zu straffen. »Was?«
»Er ist kompliziert.« Ich schnaubte leise. »Er ist arrogant.« Aber selbst als ich es aussprach, wusste ich, dass das nicht stimmte. Arroganz war laut. Dominic war ruhig. Camilla und er sahen aus, als hätte jemand sie entworfen. Nicht einfach nur hübsch, sondern präzise. Dominic war größer als seine Schwester, breitschultriger, ruhiger in seiner Präsenz. Sein blondes Haar wirkte immer ein bisschen zu unordentlich für diese Welt aus Struktur und Kontrolle – als hätte es sich geweigert, vollständig diszipliniert zu werden. Und genau das machte es schlimmer.
Seine Augen waren dieses klare, kühle Blau, das einen fixierte, ohne laut zu werden. Kein Funkeln, kein offensichtliches Spiel. Nur dieser durchdringende Blick, der einen glauben ließ, man wäre durchschaut – selbst wenn man nichts gesagt hatte. Er trug Hemden, als wären sie Teil seiner Haut. Ärmel leicht hochgekrempelt, nie zerknittert. Die schwarze Uhr an seinem Handgelenk wirkte weniger wie Schmuck, mehr wie ein stilles Erbe. Alles an ihm war kontrolliert. Bis auf die Momente, in denen sein Kiefer minimal spannte, wenn ich etwas sagte.
Camilla dagegen war heller. Offener. Sie hatte das gleiche helle Blond, aber bei ihr fiel es weicher, glänzender, perfekt frisiert – nie zufällig. Ihr Haar ging ihr fast bis zur Hüfte. Manchmal war ich neidisch auf ihre perfekten Wellen, die sich anfühlten, als wären sie von Natur aus so gefallen – weich, glänzend, schwer genug, um nicht frizzig zu wirken, aber leicht genug, um sich bei jeder Bewegung elegant mitzubewegen. Bei mir sahen Wellen nach zehn Minuten eher nach Kampf aus. Abgesehen davon gingen mir meine Haare gerade einmal bis zur Schulter und waren durch die ganzen Auftritte trocken und porös. Zu viel Hitze. Zu viel Haarspray. Zu viele Perücken.
Während Camillas Wellen nach Sommer und teurem Shampoo rochen, rochen meine oft nach Rauch, Haarspray und diesem süßlichen Nebel aus Parfum, der in der Luft hing, wenn Männer zu nah kamen. Ihre Haare waren weich. Meine waren benutzt.
Ich strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und versuchte, sie nicht mit ihren zu vergleichen. Es war lächerlich. Haare waren nur Haare. Und trotzdem fühlte es sich manchmal an wie ein sichtbarer Unterschied zwischen uns. Sie war aus dieser Welt gewachsen. Ich hatte gelernt, in ihr zu funktionieren.
Camilla drehte sich im Wasser und sah mich an. »Was starrst du so?« Ich zuckte mit den Schultern. »Nichts.« Sie musterte mich einen Moment, als würde sie mir kein Wort glauben. Dann lehnte sie sich zurück ins Wasser. »Dann kannst du mir ja jetzt mein Haargummi holen.« Ich verdrehte die Augen. »Du bist unmöglich.«
»Ich weiß«, gab sie selbstgefällig zurück. Ich merkte gar nicht, dass ich immer zu nah am Rand des Pools stand, bis mein Fuß über die nasse Kante rutschte. Für einen Sekundenbruchteil verlor ich das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen – würdevoll war anders – und fing mich gerade noch ab. Sie lachte. Laut. Unverfroren. »Pass auf, sonst landest du wieder drin.« Ich atmete aus, drehte mich um und ging Richtung Haus.
Die Terrassentüren standen offen, warmes Licht fiel auf die Stufen. Von drinnen drang gedämpfte Musik nach draußen. Dominic.
Mit jedem Schritt wurde ich mir bewusster, dass ich noch immer barfuß war. Noch immer nach Chlor roch. Noch immer nicht darauf vorbereitet war, ihm über den Weg zu laufen.
Drinnen hörte man nur die Musik, die aus seinem Zimmer kam. Gut. Er war in seinem Zimmer. Ich atmete unbewusst aus, als hätte ich eine Gefahr umgangen. Die Terrassentüren fielen leise hinter mir ins Schloss, und der kühle Marmorboden unter meinen nassen Füßen ließ mich kurz frösteln. Die Musik war gedämpft, aber klar genug, um den Bass durch den Flur vibrieren zu lassen. Kein Mainstream. Kein Radio. Irgendetwas Ruhiges. Kontrolliertes. Natürlich.
Ich ging die Treppe hinauf, versuchte, meine Schritte möglichst lautlos zu halten – als würde ich mich vor etwas verstecken. Oder vor jemandem.
Camillas Zimmer lag am Ende des Flurs. Dominics gegenüber. Ich hätte es wissen müssen. Als ich an seiner Tür vorbeiging, hörte ich das leise Rauschen der Dusche durch die Musik hindurch. Also doch nicht in seinem Zimmer. Ich verdrehte die Augen über mich selbst. Warum interessierte mich das überhaupt? Ich griff nach der Klinke von Camillas Tür, trat ein und schloss sie hinter mir. Ihr Zimmer roch nach ihrem Parfum – leicht, teuer, unaufdringlich. Alles war aufgeräumt. Natürlich. Das Haargummi lag auf dem Schreibtisch. Ich nahm es in die Hand, drehte mich um–
Und in genau diesem Moment öffnete sich draußen die Badezimmertür. Ich hörte Schritte. Barfuß. Näher kommend. Warum zur Hölle blieb ich stehen?
Die Musik verstummte. Dann hörte ich seine Stimme. Gedämpft. Direkt vor Camillas Zimmertür. »Du kannst ruhig aufhören, dich zu verstecken.« Mein Herz schlug einmal zu schnell. Langsam öffnete ich. Dominic stand im Flur, das Handtuch locker um die Hüfte gewickelt, die Haare feucht. Vereinzelte Tropfen liefen über seinen Hals. Sein Blick war ruhig – zu ruhig. »Ich verstecke mich nicht«, verteidigte ich mich sofort.
Er musterte mich kurz. Mein nasses Shirt. Meine nackten Füße. Das Haargummi in meiner Hand. »Natürlich nicht.« Ich trat einen Schritt in den Flur. »Ich hole nur das hier.« Unbeholfen fuchtelte ich mit dem Haargummi vor seinem Gesicht. »Für meine Schwester«, stellte er fest. Seine Stimme klang weniger nach Frage – eher wie eine simple Erkenntnis. »Für deine Schwester«, bestätigte ich. Ein leiser Muskel zuckte in seinem Kiefer.
»Du hinterlässt eine Spur.« Er nickte nach unten. Ich folgte seinem Blick – kleine Wassertropfen auf dem dunklen Holzboden. »Ups«, murmelte ich.
Sofort reagierte ich und machte einen Schritt zur Seite – bis es mich hart traf. Ich stieß direkt gegen ihn. Er hatte sich neben mir bewegt, ohne dass ich es bemerkte. Meine Fersen verloren auf dem feuchten Boden den Halt. Und plötzlich war da nur Wärme, Hände an meiner Taille, mein Rücken gegen die Wand – und Dominic so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spürte. »Du solltest wirklich aufpassen.«
Seine Stimme war nicht genervt. Sie war angespannt. Das passte nicht zu der Art, mit der er sonst mit mir redete. Meine Finger krallten sich unbewusst in den Stoff des Handtuchs an seiner Hüfte, um nicht wieder wegzurutschen. Schlechter Plan.
Sein Blick verdunkelte sich minimal. »Blair.« Nur mein Name. Aber anders ausgesprochen als sonst. Nicht abweisend oder spöttisch. Sondern warnend. Und genau das machte es schlimmer. »Du gehst mir doch sonst immer aus dem Weg«, spottete ich. »Vielleicht«, gab er leise zurück, »gibt es Gründe dafür.«
Seine Hände lagen noch an meiner Taille. »Du kannst mich jetzt loslassen«, murmelte ich. Sein Blick hielt meinen einen Moment länger fest, als nötig war. Mit seinen 1,80 kam ich mir im Gegensatz geradezu mickrig vor. Mit 1,70 zählte man zwar zu der größeren Sorte Frau, doch Dominic war trotzdem knapp einen Kopf größer als ich.
Er löste langsam die Finger von meiner Hüfte und trat einen Schritt zurück. Zu schnell. Meine Ferse rutschte erneut auf dem feuchten Boden weg. Ich griff reflexartig nach Halt – und bekam Stoff zu fassen. Sein Handtuch. Ein kurzer, erschrockener Laut entwich mir, als das Gleichgewicht endgültig kippte. Wir fielen.
Dominic landete hart auf dem Rücken, ich halb auf ihm, halb neben ihm – und für einen Sekundenbruchteil war alles Bewegung und Atem. Ich blinzelte. Meine Hände waren auf seiner Brust. Warm. Fest. Unverrückbar. Und das Handtuch…
Ich erstarrte. Mein Blick riss von unten nach oben, dann sofort wieder weg. Hitze schoss mir ins Gesicht, so abrupt, dass ich schwor, selbst meine Ohren mussten rot sein. »Oh mein Gott«, hauchte ich und versuchte hektisch, mich aufzurichten – was die Situation nicht unbedingt eleganter machte. Dominic hingegen lag vollkommen still unter mir. Sein Atem ging ruhig. Fast amüsiert. »Willst du vielleicht auch wieder von mir runtergehen?« Ich sah ihn entsetzt an. »Das war nicht— ich wollte nicht—«
»Beruhig dich.« Seine Stimme war ruhig. Kontrolliert. Als würde er nicht nackt unter mir auf dem Boden liegen und einen Ständer haben. Ja – ich konnte es deutlich durch den Stoff meines Bikinihöschens spüren. Das machte es nur schlimmer.
Ich schob mich hastig von ihm weg, drehte mich dabei fast einmal um die eigene Achse, bevor ich auf den Knien neben ihm zum Stillstand kam. Er setzte sich langsam auf, griff nach dem verräterischen Handtuch und legte es sich wieder um die Hüften – vollkommen unbeeindruckt. Ich hingegen starrte demonstrativ zur gegenüberliegenden Wand. »Das war deine Schuld«, murmelte ich. »Interessante Theorie.« Ich wagte einen kurzen Blick. Fehler.
Sein Haar war noch feucht, ein paar Strähnen fielen ihm in die Stirn. Seine Schultern waren angespannt, aber nicht verlegen. Seine Augen musterten mich – nicht spöttisch oder abweisend. Etwas anderes. Etwas, das mein Herz wieder aus dem Takt brachte. »Du solltest wirklich aufpassen, wenn du hier rumläufst«, provozierte er mich zum wiederholten Mal. »Ich passe auf«, gab ich genervt zurück.
»Offensichtlich nicht.« Ich schnaubte leise, noch immer zu bewusst darüber, was passiert war. Er stand auf, reichte mir die Hand. Ich zögerte einen Moment – und nahm sie. Seine Finger schlossen sich um meine. Warm. Fest. Zu selbstverständlich. Er zog mich hoch. Zu nah. Wieder.
»Blair«, seine Stimme war fast ein Flüstern. Und diesmal war da nichts Abweisendes in seinem Ton. Nur Spannung. »Vielleicht«, raunte er halb in mein Ohr, »solltest du einfach aufhören, so nervös zu sein, wenn du in meiner Nähe bist.«
Ich riss die Augen auf. »Ich bin nicht nervös.« Ein winziges Lächeln zuckte an seinen Mundwinkeln. »Natürlich nicht.« In genau diesem Moment hallte Camillas Stimme durchs Haus.
»Blair? Lebst du noch?« Ich fuhr zusammen. »Oder soll ich mir das Haargummi gleich selbst holen?«
Hitze schoss mir wieder ins Gesicht – diesmal aus einem anderen Grund. Ich löste mich ruckartig von Dominic, als hätte ich mich an etwas Verbotenem verbrannt. Meine Hand glitt aus seiner, ein Schritt zurück, dann noch einer. »Ich muss dann«, brachte ich hastig hervor. Großartig. Sehr souverän.
Dominic blieb stehen. Das Handtuch saß wieder sicher an seinen Hüften, seine Haltung entspannt – zu entspannt im Vergleich zu meinem inneren Chaos. »Mhm.« Von unten hörte man Schritte.
»Blair! Wenn du gestorben bist, sag bitte Bescheid!« Ich presste die Lippen zusammen.
»Bin gleich da!«, rief ich zurück – eine Spur zu laut. Dominics Blick lag auf mir. Nicht spöttisch. Nicht kühl. Sondern amüsiert. Und irgendetwas daran machte mich nervöser. Ich hob das Haargummi hoch wie einen Beweis. »Ich… äh… Mission erfüllt.«
»Beeindruckend.« Ich ging an ihm vorbei, diesmal mit ausreichend Abstand. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, als hätte es vergessen, wie man normal schlägt. Kurz bevor ich die Treppe erreichte, blieb ich stehen. Warum blieb ich stehen? Vielleicht, weil ich es wissen wollte.
»Du könntest übrigens auch einfach normal mit mir reden«, stichelte ich, ohne mich umzudrehen. Einen Moment sagte niemand von uns etwas.
»Das versuche ich ja.« Mein Magen zog sich zusammen. Ich drehte mich halb zu ihm um.
»Das nennst du normal?« In seinem Blick lag wieder dieser kühle, kontrollierte Ausdruck. Die Maske.
»Du solltest runtergehen. Meine Schwester wartet.« Ich nickte knapp, drehte mich um und ging die Treppe runter. Aber ich spürte seinen Blick in meinem Rücken. In diesem Moment wusste ich, dass er mich nicht wie Luft behandelte. Sondern wie ein Problem.
Und das war fast schlimmer.
Kapitel 2
Dominic
Ich hätte ausweichen können, aber tat es nicht. Als sie den Halt verlor und nach mir griff, wusste ich genau, was passieren würde. Ich sah es in diesem winzigen Moment, bevor ihr Gleichgewicht kippte – dieses Aufflackern in ihren Augen. Dann fiel sie auf mich.
Der Aufprall presste mir kurz die Luft aus den Lungen, aber ich spürte kaum den Boden. Ich spürte nur sie. Ihre Hände auf meiner Brust. Warm. Zögernd. Als hätte sie vergessen, dass sie loslassen konnte. Ihr Knie an meiner Hüfte. Ihr Atem viel zu nah an meinem Gesicht. Verdammt.
Ich spürte jede einzelne Stelle, an der sie mich berührte, als hätte jemand meine Nervenenden freigelegt. Ihr Körper war warm, aufgeheizt vom Pool, vom Abend, vom Lachen. Und ich wusste nicht, ob sie merkte, wie mich diese Nähe traf.
Ihr Herz schlug schnell. Ich spürte es fast durch meine Brust hindurch. Oder war es meines?
Ein feiner Duft nach Chlor und etwas Süßem lag zwischen uns. Ihr Haar streifte mein Kinn, ein paar Strähnen kitzelten meine Haut. Ich wollte sie zur Seite schieben. Tat es nicht. Stattdessen hielt ich sie.
Ihr Blick glitt einen Sekundenbruchteil tiefer, dann sofort wieder hoch. Grün traf auf Blau. Und in diesem Moment war da nichts Spöttisches zwischen uns. Keine Abwehr. Kein Trotz. Nur Hitze.
Sie war so nah, dass ich sehen konnte, wie sich ihre Pupillen weiteten. Wie sich ihre Lippen einen Spalt öffneten, als hätte sie vergessen zu atmen. Ich hätte sie wegstoßen sollen. Hätte aufstehen sollen. Hätte mich daran erinnern sollen, wer sie war. Camillas beste Freundin.
Tabu.
Trotzdem lag sie auf mir, und mein Körper reagierte schneller, ehrlicher, als mir lieb war. Ein roher Impuls, der mich daran erinnerte, dass ich nicht aus Stein war. Mein Ständer drückte gegen ihr Bikinihöschen. Ich spannte den Kiefer an. Kontrolle. Ich musste sie mir wieder zurückholen.
Blair brachte mich jedes Mal an diesen Punkt. Nicht, weil sie es versuchte. Sondern weil sie es nicht tat. Sie war nicht berechnend. Nicht perfekt geschniegelt. Sie sah mich nicht als Montgomery, nicht als Erbe, nicht als Verpflichtung. Sie sah mich. Und genau das machte es gefährlich. »Willst du vielleicht auch wieder von mir runtergehen?«, hatte ich gesagt.
Meine Stimme war ruhig gewesen. Als würde ich nicht jeden Zentimeter zwischen uns wahrnehmen. Als würde ich nicht wissen, dass ich sie nicht losließ, weil ich nicht wollte. Sondern weil ich musste.
Die Tür meines Zimmers fiel mit einem leisen Klick hinter mir ins Schloss. Ich lehnte mich dagegen, als würde mich jemand verfolgen. Blair war längst wieder bei meiner Schwester unten am Pool. Ich hörte sie durch das offener Fenster lachen und rumalbern. Mein pochender Ständer drückte sich gegen das Handtuch. Ich musste etwas dagegen tun. Etwas, das ich nicht das erste Mal tat. Blair war noch überall. In meinem Kopf, auf meiner Haut. In diesem verdammten Moment im Flur, der nicht hätte passieren dürfen. Ich fuhr mir durchs Haar und ließ mich aufs Bett fallen.
Ich hätte Abstand halten sollen. Stattdessen sah ich sie wieder vor mir. Wie sie auf mir lag. Viel zu nah. Wie ihr Atem meinen Hals strich. Diese eine Sekunde, in der sie mich angesehen hatte, ohne Abwehr und ohne Trotz. Mein Kiefer spannte sich an. Falsche Richtung. Blair war tabu. Ich schloss die Augen. Das war ein schlechter Fehler. Sofort war sie wieder da. Ihre Hände auf meiner Brust. Dieses leichte Zittern, das sie selbst nicht bemerkt hatte. Die Wärme ihrer Haut. Mein Atem wurde schwer. »Verdammt.«
Ich musste diesen Ständer loswerden und das ging nur, wenn ich an Blair dachte. Ich ballte meine Finger in die Bettdecke. Ich hätte sie wegstoßen sollen. Stattdessen hatte ich sie gehalten. Ich brauchte die Kontrolle zurück. Meine Augen fielen zu und im Dunkeln hinter meinen Lidern erschien sie.
Blair. Ihr Name allein reichte aus, um meinen Puls in die Höhe zu treiben. Ich sah sie vor mir, wie sie auf mir lag, in ihrem Bikini – mit nichts als einem durchnässten T-Shirt bedeckt. Jedes Mal, wenn sie sich bewegte, zuckte der Stoff, und ich hatte mir eingebildet, wie sich ihre Nippel gegen den Stoff rieben. Ihre grünen Augen – dieses verdammte, giftige Grün, das mich immer ansah, als würde sie genau wissen, was ich dachte – hatten mich heute länger als üblich fixiert. Als hätte sie gewusst, was ich mir in diesem Moment vorstellte.
Meine Hand bewegte sich schneller, der Rhythmus ungleichmäßig, mal fest und fordernd, mal sanft streichelnd, so wie ich es mochte, wenn ich mir Zeit ließ.
Ich stellte mir vor, wie es wäre, ihr die Hand zwischen die Beine zu schieben, wie sie erst zusammenzucken würde, bevor sie sich in meine Berührung schmiegte. Wie ihre Lippen sich öffnen würden, nicht um zu protestieren, sondern um diesen kleinen, erstickten Laut von sich zu geben – dieses Ah, das Frauen von sich gaben, wenn sie etwas wollten, es aber nicht zugeben dürfen.
Meine Eichel pochte bei dem Gedanken, und ich spürte, wie sich mein Innerstes zusammenzog, als würde es sich auf den unvermeidlichen Höhepunkt vorbereiten.
Was würdest du tun, wenn ich dich jetzt anfassen würde, Blair?
Die Worte formten sich in meinem Kopf, während ich mir vorstellte, wie ich sie gegen die Wand im Flur drücken würde, mein Körper zwischen ihre gespreizten Beine gepresst. Wie ich eine Hand um ihre Kehle legen würde – nicht, um sie zu würgen, sondern um ihren Kopf zurückzubeugen, damit sie mich ansah, während ich mit der anderen ihre Brust durch das Shirt knetete. Wie ihr Atem schneller gehen würde, ihre Brust sich heben und senken, während ich mit dem Daumen über ihre harte Spitze strich, bis sie stöhnte.
»Du würdest mich nicht aufhalten«, flüsterte ich mir selbst zu, meine Stimme ein heiseres Krächzen. »Du würdest deine Beine weiter öffnen und mich bitten, dich zu ficken.«
Mein Schwanz zuckte in meiner Hand, als würde er zustimmen. Ich spuckte in meine Handfläche, verteilte den Speichel über die Länge, bis das Gleiten leichter wurde, nasser, obszöner.
Die Geräusche meiner feuchten Hand, die über meine Erektion rieb, füllten das Zimmer, vermischten sich mit meinem keuchenden Atem. Ich stellte mir vor, wie ihr Atem klingen würde – kurz, abgehackt, wenn ich meine Finger unter den Saum ihres Shirts schob und ihre nackte Haut berührte. Wie sie vielleicht versuchen würde, mich wegzuschieben, aber nur halbherzig, weil sie es in Wahrheit wollte. Weil sie mich wollte. Bitte..., würde sie flüstern, und ich würde lächeln, bevor ich ihr das Shirt über den Kopf zog und ihre perfekten Brüste endlich frei legte. Nicht groß, aber fest, mit diesen rosigen Nippeln, die schon hart waren, bevor ich sie überhaupt berührte. Ich würde mich vorbeugen, eine in meinen Mund nehmen, meine Zunge um die Spitze kreisen lassen, während meine Hand die andere knetete, bis sie stöhnte und ihre Finger in mein Haar krallte. Mehr, würde sie flehen, und ich würde ihr geben, was sie wollte – meine Zähne leicht in ihr Fleisch graben, bis sie aufschrie, ein Mix aus Schmerz und Lust.
Meine Hüften begannen, sich dem Rhythmus meiner Hand anzupassen, stießen nach oben, als würde ich schon in ihr sein. Die Vorstellung, wie eng sie wäre, wie ihre Muskeln sich um meinen Schwanz zusammenziehen würden, wenn ich mich zum ersten Mal in sie schob –fuck, das allein reichte fast aus, um mich kommen zu lassen.
Ich biss mir auf die Unterlippe, bis ich Blut schmeckte, zwang mich, es hinauszuzögern. Nicht jetzt. Noch nicht. Blairs Stimme hallte in meinem Kopf nach, aber diesmal war es nicht das flehende Bitte, sondern das, was sie heute zu mir gesagt hatte, während sie auf mir lag.
»Das war nicht— ich wollte nicht—«
Mein Atem wurde flacher, meine Hand bewegte sich jetzt ohne Kontrolle, mein ganzer Körper spannte sich an. Ich stellte mir vor, wie sie vor mir kniete, ihre grünen Augen tränenverschmiert, während ich ihren Kopf festhielt und meinen Schwanz tief in ihren Rachen stieß. Wie ich ihr Haar um meine Faust wickeln würde. Wie sich ihr Mund um meinen Schwanz anfühlen würde. Wie es wäre in ihr zu kommen. Fuck–!
Mein Innerstes zog sich zusammen, ein stechender Schmerz, der sich sofort in white-hot Lust verwandelte. Ich zuckte, als der erste Schuss aus meiner Eichel kam, dick und weiß, ein Strang nach dem anderen landete auf meinem Bauch, heiß wie Lava.
Ich stöhnte, ein lang gezogener, animalischer Laut, während mein Schwanz weiter zuckte, als würde er versuchen, jeden letzten Tropfen aus mir herauszupressen. Mein Sperma klebte an meiner Haut, tropfte zwischen meine Finger. Ich rieb es weiter, verlangsamte meine Bewegungen, bis nur noch ein zitterndes Beben durch meinen Körper lief.
Für einen Moment war da nur Stille. Mein Atem brannte in der Kehle, mein Herz hämmerte so hart, dass ich es in meinen Ohren spürte. Langsam ließ ich meinen Schwanz los, der jetzt halb schlaff an meinem Oberschenkel klebte, noch immer zuckend. Meine Hand war klebrig, mein Bauch ein Schlachtfeld. Dann ergriff mich wieder die Realität.
Das musste genau nah genug sein. Näher durfte ich Blair Donovan niemals kommen. Nicht, wenn ich klar denken wollte. Nicht, wenn ich meiner Schwester in die Augen sehen wollte. Und sicher nicht, wenn ich verhindern wollte, dass das hier außer Kontrolle geriet.
Ich wusste, wenn sie nur eine Sekunde länger auf mir gelegen hätte, hätte ich die Grenze überschritten. Und ich war nicht der Typ, der Grenzen aus Versehen überschritt. Blair war kein Spiel. Kein Zeitvertreib. Kein Fehler, den man später weglächelte. Sie war die beste Freundin meiner Schwester und wohnte praktisch schon hier. Sie gehörte in unsere Küche. In unseren Garten. Aber nicht in meine Arme.
Ich zwang mich die Gedanken an sie abzuschütteln. Kontrolle war das Einzige, was mich vor einer großen Dummheit bewahren würde. Blair hatte keine Ahnung, was sie mit mir machte.
Und ich war fest entschlossen, dass sie es auch niemals herausfinden würde.