Dienstag, 22. September 2026

Was kommt zuerst: Held, Heldin, Setting oder Konflikt? | Lilith Wylde

Wenn ich erzähle, wie eine neue Geschichte bei mir entsteht, erwarten viele vermutlich eine dieser Antworten: die Heldin, der Held, vielleicht ein dramatischer Konflikt oder dieses eine Setting, das plötzlich im Kopf auftaucht und nicht mehr verschwinden will.

Bei mir ist es anders.

Am Anfang steht meistens weder eine Person noch ein Ort.

Am Anfang stehen die Tropes.

Und ja: Das klingt vermutlich weniger romantisch als „Eines Nachts erschien mir meine Heldin und erzählte mir ihre Geschichte“. Aber meine Bücher entstehen tatsächlich eher wie ein Puzzle. Erst weiß ich, welche Teile ich unbedingt haben möchte. Dann finde ich heraus, wer in diese Geschichte gehört. Und irgendwann brauche ich einen Ort, an dem all das nicht nur passieren kann, sondern beinahe zwangsläufig passieren muss.

Schritt eins: Welche Tropes will ich erzählen?

Bevor ich Namen suche, Augenfarben verteile oder darüber nachdenke, ob jemand morgens Kaffee oder Tee trinkt, steht für mich die wichtigste Frage:

Welche Dynamik soll diese Geschichte haben?

Welche Tropes reizen mich? Welche möchte ich miteinander kombinieren? Wo entsteht Reibung? Welche Konstellation verspricht genau die Art von Spannung, die ich über Hunderte Seiten tragen möchte?

Denn Tropes sind für mich keine Schablonen, in die ich anschließend irgendwelche Figuren stecke. Sie sind eher das Versprechen einer bestimmten Dynamik.

Wenn beispielsweise zwei Menschen einander nicht ausweichen können, interessiert mich nicht nur das „Forced Proximity“-Etikett. Mich interessiert, warum sie nicht wegkönnen. Was passiert, wenn sie sich trotzdem voneinander fernhalten wollen? Wer verliert zuerst die Kontrolle? Und was steht auf dem Spiel, wenn ausgerechnet diese beiden Menschen anfangen, einander zu wichtig zu werden?

Aus diesen Fragen entstehen langsam die Figuren.

Schritt zwei: Wer kann diese Tropes zum Leben erwecken?

Erst jetzt kommen Held und Heldin.

Ich brauche Figuren, bei denen die gewünschten Tropes nicht aufgesetzt wirken. Ihre Persönlichkeit, ihre Vergangenheit, ihre Wünsche und ihre Schwächen müssen dafür sorgen, dass genau diese Konstellation funktioniert.

Dabei entsteht auch der eigentliche Konflikt immer deutlicher.

Denn ein guter Konflikt ist für mich nicht einfach etwas, das von außen auf die Figuren geworfen wird. Er funktioniert am besten, wenn die Figuren selbst Teil des Problems sind.

Zwei andere Menschen könnten dieselbe Situation vielleicht innerhalb von zehn Minuten vernünftig klären.

Meine beiden?

Natürlich nicht.

Wo bliebe denn da der Spaß?

Schritt drei: Wie viele Bände braucht diese Geschichte?

Noch bevor ich mich endgültig auf einen Schauplatz festlege, überlege ich, wie groß die Geschichte eigentlich werden soll.

Ist das eine abgeschlossene Geschichte?

Brauche ich mehrere Paare, deren Geschichten miteinander verwoben sind?

Gibt es einen übergeordneten Handlungsbogen?

Welche Figuren müssen schon früh auftauchen, obwohl ihr eigener großer Moment vielleicht erst später kommt?

Gerade bei Reihen verändert diese Entscheidung enorm viel. Plötzlich brauche ich nicht mehr nur einen Ort für zwei Hauptfiguren. Ich brauche eine kleine Welt, die genügend Raum für mehrere Geschichten bietet und trotzdem geschlossen genug ist, damit die Figuren einander immer wieder begegnen.

Und genau an diesem Punkt wird das Setting richtig interessant.

Schritt vier: Wo muss diese Geschichte spielen?

Ich suche also nicht zuerst einen schönen Ort und überlege anschließend, was dort passieren könnte.

Ich frage: Welcher Ort macht meine Handlung möglich?

Oder noch besser: Welcher Ort macht meinen Figuren das Leben möglichst schwer?

Ein Setting darf hübsch aussehen. Sehr gern sogar.

Aber es sollte mehr können.

Es kann Nähe erzwingen. Fluchtwege abschneiden. Regeln schaffen. Geheimnisse schützen. Hierarchien verstärken. Begegnungen unvermeidbar machen. Es kann dafür sorgen, dass eine Beziehung, die ohnehin kompliziert ist, praktisch unmöglich wird.

Und damit sind wir bei einem ziemlich guten Beispiel.

Island of Pressure

Bei Island of Pressure war die Insel nicht einfach zuerst da.

Ich hatte nicht plötzlich das Bild einer luxuriösen Sportinsel im Kopf und dachte: „Oh, darüber könnte ich ein Buch schreiben.“

Die Überlegung lief andersherum.

Ich wusste, welche Dynamiken und Tropes ich erzählen wollte. Daraus entstanden die Figuren. Dann stellte sich die Frage, wie viel Raum ihre Geschichten brauchen.

Und anschließend brauchte ich eine Welt, in der diese Geschichten funktionieren.

Eine Welt voller Leistung, Konkurrenz und öffentlichem Druck.

Also entstand die Island of Pressure. 

Island of Pressure mit Trainingsstätten und Sportanlagen für Spitzensportler

Eine abgeschottete Insel für Spitzensportler mit Trainingsstätten, Stadion, Motorsportstrecke, Schwimmhalle, Eishalle, medizinischem Zentrum, Pressebereich, Wohnanlagen und allem, was diese Athleten brauchen.

Luxuriös?

Definitiv.

Ein Paradies?

Das kommt darauf an, wen man fragt.

Denn die Insel besitzt Regeln.

Viele Regeln.

Romantische Beziehungen zwischen Athleten und Personal sind verboten. Beziehungen zwischen Athleten sind zwar erlaubt, aber nicht unbedingt erwünscht. Medienauftritte werden kontrolliert. Medizinische Entscheidungen sind bindend. Externe Ärzte dürfen nicht ohne Genehmigung aufgesucht werden. Besucher müssen angemeldet werden. Athleten dürfen die Insel nur begrenzt verlassen.

Und plötzlich wird das Setting selbst zu einem Teil des Konflikts.

Wer sich in die falsche Person verliebt, hat nicht nur ein persönliches Problem.

Wer ein Geheimnis hat, kann ihm nicht einfach davonlaufen.

Wer Abstand braucht, begegnet dieser einen Person womöglich beim Training, im Restaurant, im medizinischen Zentrum oder abends an der Bar schon wieder.

Und wer denkt, er könne einfach seine Sachen packen und verschwinden, stellt fest:

So funktioniert die Island of Pressure nicht.

Genau deshalb brauchte diese Geschichte diese Insel.

Nicht, weil ich unbedingt über Monaco schreiben wollte. Nicht, weil eine abgeschottete Luxuswelt hübsch aussieht. Sondern weil die Handlung einen Ort brauchte, an dem Leistung, Öffentlichkeit, Regeln, Nähe und Kontrolle ständig miteinander kollidieren.

Das Setting entstand für die Geschichte.

Und inzwischen kann ich mir die Geschichte nirgendwo anders mehr vorstellen.

Also: Was kommt nun zuerst?

Bei mir sieht die Reihenfolge meistens so aus:

Tropes → Figuren → Anzahl der Bände → Setting → konkrete Handlung und Konflikte

Natürlich wächst anschließend alles miteinander weiter. Eine Figur verändert das Setting. Eine Regel auf der Insel bringt mich auf eine neue Szene. Ein Nebencharakter wird plötzlich interessanter als geplant. Ein Konflikt verlangt nach einer Vorgeschichte, die ich ursprünglich überhaupt nicht vorgesehen hatte.

Schreiben ist schließlich kein Fließband.

Aber diese Reihenfolge gibt mir das Gerüst.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich Settings so gern mag, die ihre eigenen Regeln haben. Ich möchte nicht, dass der Schauplatz bloß eine hübsche Kulisse hinter meinen Figuren ist.

Ich möchte, dass er sich einmischt.

Dass er Möglichkeiten schafft und gleichzeitig Türen zuschlägt.

Dass meine Figuren irgendwann denken:

Überall. Wirklich überall hätte das passieren können. Warum ausgerechnet hier?

Und ich sitze vor meinem Manuskript und weiß ganz genau, warum.

Weil ich diesen Ort genau dafür gebaut habe.

In meinem Newsletter stelle ich übrigens gerade all die Red Flags und verbotenen Paare vor, auf die du auf der Insel treffen wirst.


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